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AUFGEKEHRT
Götz Hausding
Schuld sind die anderen

Rumms - jetzt hat es auch die Franzosen erwischt. Vorbei ist es mit Triple A und der Topbonität. Bei Moody's haben sie den Daumen gesenkt. Bei Moody's? Langjährige Ozeanüberquerer, Yeti-Sucher und andere, die sich in den letzten Jahren den modernen Informationsmedien verweigert haben, mögen ins Grübeln kommen, worum es sich dabei handeln könnte. Dem Namen nach vielleicht um eine Kneipe, in der zu vorgerückter Stunde unter dem Einfluss von Alkoholika über die Zukunft philosophiert und die Situation einzelner Staaten eingeschätzt wird. So nach dem Motto: Der Pernod schmeckt heute aber irgendwie komisch. Ich glaub, mit dem Franzosen geht's bergab. Und schon ist das Top-Ranking dahin.

Falsch, ihr lieben Unwissenden. Um eine Destille handelt es sich bei Moody's nicht, vielmehr um eine Rating-Agentur zur Bonitätsbewertung. Inwieweit sich das Vorgehen der dort sitzenden Fachleute von dem der Kneipengänger abhebt, ist nicht ganz klar. Unfehlbar, das jedenfalls steht fest, sind auch die Moody's-Leute nicht. Als 2008 mit der Pleite der Lehman-Bank die Weltwirtschaft zusammenbrach, staunten die Rating-Experten nicht schlecht. Dabei war der amerikanische Whiskey am Vorabend noch so lecker.

Frankreich stehen nun harte Zeiten ins Haus - die Zinsen könnten steigen. Gut, dass bei den führenden Politikern unseres Nachbarlandes die Reflexe noch funktionieren: Schuld an der Misere sind nämlich die anderen. Genau gesagt die Vorgängerregierung, wie der aktuelle Finanzminister eilig versicherte.

Ob Deutschland auch künftig seine Top-Bonität halten kann, hängt hoffentlich nicht von den grauselig schmeckenden hiesigen Kräuterschnäpsen ab. Sollte aber 2014 nach einem eventuellen Regierungswechsel der Moody's-Daumen nach unten gehen, ist die Reaktion schon jetzt klar: Schuld sind selbstverständlich jeweils die anderen.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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