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Helmut Stoltenberg
Es lebe das Neue! Es lebe die Deutsche Republik!

NOVEMBER 1918 Die Revolution war das Ende der Monarchie in Deutschland. Noch vor Kriegsende fuhr Wilhelm II. ins Exil

Am 28. Oktober 1918 war das "Gesetz zur Änderung der Reichsverfassung" in Kraft getreten, das Deutschland erstmals ein parlamentarisches Regierungssystem bescherte (siehe Beitrag oben); einen Tag später reiste Kaiser Wilhelm II. von Berlin ins Hauptquartier im belgischen Spa. Fast zeitgleich kam es bei der vor Wilhelmshaven liegenden deutschen Hochseeflotte zu ersten Befehlsverweigerungen - die Matrosen wollten nicht noch in einer Art "Verzweiflungsschlacht" verheizt werden.

Am 4. November brach der Matrosenaufstand in Kiel aus, der in Windeseile auf andere Städte übergriff. Arbeiter- und Soldatenräte wurden gegründet, am 7. November stürzte mit den Wittelsbachern in Bayern die erste deutsche Monarchie. Am 9. November hatte die Revolutionswelle Berlin erreicht: Streiks, Massendemonstrationen, Schusswechsel; Militär verbündete sich mit den Arbeitern.

Seit dem Morgen bemühte sich der Reichskanzler um die Abdankung des Kaisers. Schon am Vormittag waren die SPD-Mitglieder der kaiserlichen Regierung zurückgetreten. Gegen Mittag ließ Max von Baden - ohne Ermächtigung aus Spa - den Thronverzicht Wilhelms II. veröffentlichen, das Amt des Reichskanzlers wurde dem SPD-Vorsitzenden Friedrich Ebert überrtragen. "Der Kaiser hat abgedankt", titelte die "B.Z. am Mittag" in ihrer 13-Uhr-Ausgabe.

Am Nachmittag empfahl Paul von Hindenburg, Chef der Obersten Heeresleitung (OHL), dem Kaiser die Flucht nach Holland, um nicht "dem inneren oder äußeren Feinde" anheim zu fallen. In Berlin überschlugen sich derweil die Ereignisse, an die sich der Sozialdemokrat Philipp Scheidemann später so erinnerte:

"Am 9. November 1918 glich der Reichstag schon in den Morgenstunden einem großen Heerlager. (...) Mit Ebert und anderen Freunden saß ich hungrig im Speisesaal. Es gab wieder nur eine dünne Wassersuppe. Da stürmte ein Haufen von Arbeitern und Soldaten in den Saal (...): ,Scheidemann, komm schnell, vom Schlossbalkon aus redet Liebknecht!' (...) Zwischen dem Schloss und dem Reichstag - so wurde versichert -bewegten sich ungeheure Menschenmassen hin und her. ,Liebknecht will die Sowjetrepublik ausrufen!' (...) Kein Zweifel, wer jetzt die Massen vom Schloss her bolschewistisch oder vom Reichstag zum Schloss hin sozialdemokratisch in Bewegung bringt, der hat gesiegt."

Vom Reichstagsgebäude aus rief Scheidemann die erste deutsche Republik aus: "Die Monarchie ist zusammengebrochen. Es lebe das Neue. Es lebe die Deutsche Republik!" Am Stadtschloss wiederum proklamierte Karl Liebknecht, Führer des radikalsozialistischen Spartakusbundes, "die freie sozialistische Republik Deutschland".

Zurück im Reichstagsrestaurant wurde Scheidemann von Ebert angeschrien: "Du hast kein Recht, die Republik auszurufen." Ob Deutschland Republik werde, "entscheidet die Konstituante". Der spätere Reichspräsident, einmal als "ausgesprochener Gegner gewaltsamer Veränderungen" beschrieben, hatte nicht auf den Sturz der Monarchie abgezielt, schon gar nicht aber wollte er wie Liebknecht eine Räterepublik.

Am 10. November einigten sich die Führungen von SPD und Unabhängiger Sozialdemokratie (USPD) auf die Bildung eines "Rates der Volksbeauftragten" als neuer Regierung mit Ebert als einem von zwei Vorsitzenden. Noch am selben Tag traf er eine Übereinkunft mit General Wilhelm Groener, der für die OHL eine Loyalitätserklärung gegenüber der neuen Regierung abgab und militärische Unterstützung bei linksradikalen Angriffen zusagte.

Während Berlin bis zur Wahl der dann nach Weimar ausweichenden Nationalversammlung am 19. Januar noch blutige Kämpfe insbesondere bei der Niederschlagung des "Spartakusaufstandes" vor sich haben sollte, rollte Wilhelm II. am Morgen des 10. November im Sonderzug ins holländische Exil. Einen Tag danach unterzeichnete der Zentrumsabgeordnete Matthias Erzberger als Chef der von der OHL geforderten zivilen Waffenstillstandsdelegation im Wald von Compiègne den Waffenstillstand. Nach mehr als vier Jahren schwiegen die Waffen. Erzberger indes wurde 1921 von Rechtsextremisten erschossen.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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