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Peter Boßdorf
Eine vom Krieg zerstörte Generation

Demografie Millionen gefallener Soldaten hinterlassen große Lücken in Wirtschaft und Gesellschaft. Die grausamen Erfahrungen der Kriegsgeneration als Mahnung

Resignation war Stanley Baldwin anzumerken, als er in den 1930-er Jahren auf einer exklusiven Versammlung in Cambridge sprach. Wenn es gelte, Spitzenpositionen in Staat und Gesellschaft adäquat zu besetzen, so der britische Premierminister, spüre man die Lücke, "die von der Million gefallener Männer unseres Landes hinterlassen wurde". Sein Publikum teilte diese Beurteilung. Man müsse sich darüber im klaren sein, sagte einer der Zuhörer, dass die Überlebenden oft mehr erreichten, als ihnen unter normalen Bedingungen zustünd.

Von der "verlorenen Generation" des Ersten Weltkrieges zu sprechen, hieß für die Zeitgenossen daher zunächst, seine Opfer in den Blick zu nehmen. Jeder achte Mann, der eine Uniform angezogen hatte, war nicht zurückgekehrt. Neun Millionen Tote hatte der Krieg auf beiden Seiten gefordert, die allermeisten von ihnen waren Angehörige der jungen oder mittleren Generation gewesen. Als nicht minder bedrückend musste die unüberschaubare Zahl von Verwundeten gelten, die dauerhafte Schäden davongetragen hatten. Allein in Deutschland wurde ihre Zahl auf 2,7 Millionen beziffert. Mochte die Statistik auch unbarmherzig ausweisen, dass infolge des Bevölkerungswachstums dieser Zeit dennoch nicht von einem "Mangel an jungen Männern" gesprochen werden konnte: Die öffentliche Wahrnehmung war eine andere, gab es doch kaum eine Familie, die nicht Tod oder Verwundung von Angehörigen zu beklagen hatte.

Grausame Erfahrungen

Vom Krieg gezeichnet waren aber auch jene, die ihn körperlich unversehrt überstanden, zumal wenn sie an den unerbittlichen Materialschlachten in den Stellungen Nordfrankreichs oder Belgiens teilgenommen hatten. Erich Maria Remarques Vorbemerkung zu seinem internationalen Bestseller "Im Westen nichts Neues" traf daher die Stimmungslage zahlreicher ehemaliger Soldaten: Ohne Anklage und Bekenntnis gelte es, "über eine Generation zu berichten, die vom Kriege zerstört wurde - auch wenn sie seinen Granaten entkam". Die grausamen Erfahrungen, die in den Schützengräben gesammelt wurden, standen in einem ernüchternden Widerspruch zu den naiven heroischen Illusionen, mit denen die Soldaten in den Kampf gezogen waren. Remarque rang nicht, im Gegensatz zur nationalistischen Kriegsliteratur dieser Zeit, um einen vermeintlich höheren Sinn in dem als sinnlos empfundenen Geschehen, und er stellte sich auch nicht der Frage, wie es zu ihm hatte kommen können und wie derartiges in Zukunft zu verhindern wäre, was ihm Kritik von linker und pazifistischer Seite einbrachte. Statt dessen dokumentierte er, wie Soldaten auch in einer Ausnahmesituation eben nicht zu Ausnahmemenschen wurden, sondern litten, abstumpften, zerbrachen und starben. Damit kam er der tatsächlichen Stimmung an den Fronten nahe, die auch bereits die Führung des Kaiserreiches alarmiert konstatieren musste und beispielhaft von der Postüberwachungsstelle der 6. Armee im September 1918 festgehalten wurde: "Das Interesse des Einzelnen am Kriege ist in den Hintergrund getreten; der Mann steht fast durchgehend auf dem Standpunkt: ,Ich drücke mich von der Front - so gut ich kann!'"

Zahlreiche Schriftsteller haben wie Remarque der "verlorenen Generation", den Toten wie den Überlebenden, erzählerische Denkmäler gesetzt, indem sie sich um eine ungeschönte Darstellung des Geschehens mitsamt seiner makabren Absurditäten bemühten - zu den prominentesten zählten Arnold Zweig und Erich Kästner in Deutschland, Henri Barbusse und Louis-Ferdinand Céline in Frankreich sowie Ford Madox Ford, John Dos Passos und Ernest Hemingway im angelsächsischen Sprachraum. Die Fülle dieser literarischen Zeugnisse kann jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich das Gefühl, einer speziellen Generation anzugehören, die durch traumatische Kriegserfahrungen geprägt und der Friedensgesellschaft nachhaltig entfremdet sei, auf eine Minderheit beschränkte, die daraus zudem höchst gegensätzliche Schlussfolgerungen zog. Das Klischee des Frontkämpfers, der seinen Platz im zivilen Leben nicht mehr finden kann, entspricht nicht dem, was die sozialgeschichtliche Forschung als Normalfall ausweist. Auch in Deutschland, das immerhin den Krieg verloren hatte und durch politische Wirren und wirtschaftliche Probleme heimgesucht wurde, fand das Gros der Kriegsheimkehrer rasch Anschluss an den Alltag des Erwerbs- und Familienlebens.

Der Autor ist Journalist in Bonn.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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