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Berthold Seewald
Erster Weltkrieg Grauen im Graben

ERSTARRTE FRONT Maschinen bestimmten den Kampf. Den Materialschlachten fielen Millionen Soldaten zum Opfer

Hiram Stevens Maxim war ein bedeutender Erfinder. Der gelernte Instrumentenbauer meldete 271 Patente an, unter anderem auf Verbesserungen der Glühlampe, eine Mausefalle und ein Eisen zum Wellen des Haares. Und 1884 auf ein Gewehr, mit dem man 500 Patronen pro Minute abfeuern konnte. Auch für das rauchlose Schießpulver, das dazu nötig war, hielt er das Patent. Damit wurde der Brite mit amerikanischen Wurzeln, der 1901 von

Queen Victoria zum Ritter geschlagen wurde, zu einem der erfolgreichsten Revolutionäre aller Zeiten. Sein Maschinengewehr veränderte den Krieg und die Gesellschaften, die ihn führten, von Grund auf. Als Maxim im November 1916 starb, hatte seine Erfindung dies vor Verdun und an der Somme auf fürchterliche Weise bewiesen.

Wenn Mitte 2014 die Welt der vielbeschworenen "Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts" zum 100. Mal gedenkt, werden Hiram Maxim und die Tüftler, die nach seinem Vorbild ähnliche Waffen entwickelt hatten, kaum in der ersten Reihe stehen. Aber die verheerenden Ergebnisse des Ersten Weltkriegs sind ohne das Maschinengewehr nicht denkbar. Es machte den Krieg zwischen Industrienationen buchstäblich zum Maschinenkrieg.

Mit einem "Industriearbeiter in Uniform" verglich denn auch der britische Militärhistoriker John Keegan den MG-Schützen. Allein am 1. Juli 1916, am ersten Tag der Somme-Schlacht, starben 20.000 britische Soldaten in ihrem Feuer. Im Kampf um Verdun vom Februar bis November 1916 wurden mehr als 720.000 Deutsche und Franzosen getötet oder verwundet.

Das Maschinengewehr wurde zum Symbol des Weltkrieges. Noch im amerikanischen Bürgerkrieg, der gemeinhin als erster totaler Krieg der neueren Geschichte gilt, bestanden die Armeen aus einigen zehntausend Soldaten, von denen die meisten Gewehre trugen, die nur zwei Schuss pro Minute abgeben konnten. Nun waren es Heere, die Hunderttausende umfassten, von denen jeder Mann mit seinem Karabiner pro Minute 15 Schuss abgeben konnte. Allein die deutsche Armee hatte bei Kriegsbeginn 4.900 MG im Bestand. Bei Kriegsende lieferte sie den Siegermächten 125.000 Exemplare aus.

Alle zehn Meter ein Geschoss

Der Erste Weltkrieg war die erste große Auseinandersetzung, in der die Zahl der Verluste an der Front die in der Etappe überstieg. Fortschritte der Medizin und der Verwundetenfürsorge reduzierten die Zahlen jener Unglücklichen, die ihren Verwundungen erlagen oder an Seuchen oder Hunger starben, deutlich. Zugleich erfuhr die Zerstörungskraft moderner Waffen eine ungeahnte Steigerung. Das galt nicht nur für das Maschinengewehr, sondern auch für die Artillerie, deren industrielle Fertigung neue Reichweiten, Kaliber und Salvenfolgen hervorbrachte.

Ein Artilleriegeschoss, das mit Stahlkugeln gefüllte Schrapnelle abfeuerte, brachte es auf 20 Salven pro Minute, das französische Infanteriegeschütz auf bis zu zwölf Schuss. Vor Verdun hatten die Deutschen 1.200 Kanonen in Stellung gebracht, davon 542 schwere. Alle zehn Meter hämmerte ein Geschütz auf die französischen Linien ein.

Das Erstaunliche an dieser Steigerung des Tötungspotenzials war, dass kaum einer der Beteiligten sie begriffen, geschweige denn Schlussfolgerungen daraus gezogen hatte. Mit dem MG, dem Laufgraben, Stahlhelm, Bunker und Stacheldraht war nicht mehr der seit Jahrhunderten als militärisches Ideal beschworene Angriff, sondern die Verteidigung zur erfolgversprechenden Taktik auf dem Schlachtfeld geworden.

Das hatte Folgen: Die Pläne, mit denen die Großmächte 1914 in den Krieg zogen, gingen wie selbstverständlich davon aus, dass sich der Kampf im schnellen Angriff entscheide. So sah das vom preußischen Generalstabschef Alfred von Schlieffen entwickelte operative Konzept im Westen den Angriff acht deutscher Armeen vor, die innerhalb von maximal zwei Monaten die französischen und gegebenenfalls britischen Truppen besiegen sollten, um sich dann gegen den russischen Aufmarsch im Osten zu wenden. Als die von Schlieffens Nachfolger Helmuth von Moltke modifizierte Offensive im September an der Marne scheiterte, gab es keinen Plan B. Was man sich als bewegliches Hin und Her von Kavallerie-Attacken und Flankenmärschen vorgestellt hatte, erstarrte zu einer festen Linie aus dicht gestaffelten Feldbefestigungen, in denen MG-Stellungen jeglichen Angriff im Keim erstickten. "Die Schützengräben sind wie eine Festung. Die neuzeitlichste, die man sich denken kann, und doch denkt man sich zurück in die Zeit des Mittelalters. [...] Luchsartig spähen Knappen und Knechte durch die Schießscharten nach dem Feind, der gegenüber liegt und von dem man weiß, er liegt ebenso auf der Lauer", notierte ein deutscher Soldat 1915 in sein Tagebuch.

Neuzeitlichen Schrecken verbreitete auch Giftgas, das zuerst deutsche Truppen am 22. April 1915 bei Ypern zum Einsatz brachten. In der Folgezeit griffen die Mittelmächte wie die gegnerische Entente auf immer wirksamere chemische Waffen zurück; Schätzungen gehen von 90.000 Giftgas-Opfern auf allen Seiten aus. Kriegsentscheidend war das Giftgas nicht, doch war es Symbol für den Schrecken eines industriell geführten Krieges, dem Menschen wie Insekten zum Opfer fielen.

Dennoch bildeten bis zuletzt aristokratische Ideale vom Krieg das wichtigste Reservoir des Ansporns, Soldaten ins gegnerische Feuer zu treiben. Ehre, Ruhm, Vaterlandsliebe, Ergebenheit gegenüber Monarchen, Kirche und Nation waren Botschaften, die Millionen dazu brachten, den fragwürdigen Schutz der Laufgräben zu verlassen und in das von Granaten und MG-Patronen beherrschte Niemandsland zwischen den Fronten zu stürmen. Hier gab es keine Fluchtwege mehr, nur noch die Allgegenwart des Todes. Man hat errechnet, dass bei den Angriffen durch das Niemandsland die Überlebenschance Eins zu Drei betrug.

Feudale Ehrbegriffe prägten auch die Schlachtpläne, die die Oberbefehlshaber fern von der Front ausheckten, wobei mangels leistungsfähiger Kommunikationsmittel die Verbindung zu den Schützengräben nur marginal vorhanden waren. Als die deutsche Oberste Heeresleitung am 21. Februar 1916 den Angriff auf die französische Sperrfestung Verdun befahl, leitete sie nicht zuletzt der Gedanke, die Franzosen würden einer Offensive 250 Kilometer von Paris entfernt schon aus Gründen der nationalen Ehre mit aller Macht entgegentreten. Sie würden sich "weißbluten", hoffte der deutsche General Erich von Falkenhayn.

"Blutpumpe"

Wie erwartet, nahmen die Franzosen die Herausforderung an und warfen Division um Division in die "Blutpumpe" von Verdun. Da sie aber auch schwere Geschütze auf dem rechten Ufer der Maas in Stellung bringen konnten, entspannte sich ein Abnutzungskampf, der keiner Seite einen Durchbruch ermöglichte, dafür aber Menschenleben zu Hunderttausenden vernichtete. Obwohl spätestens im Juni klar war, dass die Schlacht nicht zu gewinnen war, schickte Falkenhayn weiterhin neue Truppen in den Tod. Wie kurz darauf an der Somme ging es um Prestige, das die Unfähigkeit kaschieren sollte, eine Antwort auf die MG-Revolution zu finden.

"Der Krieg hat mit seinem Masseneinsatz maschineller Vernichtungswerkzeuge eben nun eine Form gewonnen, der die menschlichen Nerven der Truppe einfach nicht mehr gewachsen sind. Ein fürchterlicher Zustand", schrieb ein deutscher General. Und Ernst Jünger notierte in sein Tagebuch: "Das Landschaftsbild ist dem, der es gesehen hat, unvergesslich. Diese Gegend hatte doch vor kurzem noch Wiesen und Wälder und Kornfelder. Nichts mehr zu sehen, aber auch gar nichts. Buchstäblich kein Grashalm, nicht ein winziges Hälmchen. Jeder Millimeter des Bodens umgepflügt und wieder umgewendet, die Bäume ausgerissen, zerfetzt und zu Mulm zermahlen. Die Häuser niedergeschossen, die Steine zu Pulver zerstaubt. Die Schienen der Eisenbahn zu Spiralen gedreht, Berge abgetragen, kurz alles zur Wüste gemacht."

Manchmal waren es nur einige Dutzend Meter, die die vordersten Schützengräben voneinander trennten, dazwischen Stacheldrahtverhaue und Granattrichter. Darin und in den Gräben staute sich das Wasser, in dem die Soldaten ausharren mussten. Die Enge teilten sie sich mit Kameraden, Ratten und Toten. Artillerieüberfälle kündigten neue Offensiven an, die wie ein bizarres Duell funktionierten. Während die Angreifer hinter der Feuerwalze aus den Gräben kletterten, stürmten die Verteidiger zu ihren MG-Stellungen. Meist blieben sie Sieger. Vor Verdun gelang es den Deutschen selbst mit schwerem Mörserbeschuss nicht, die Kasematten von Fort Donaumont zu durchschlagen.

Durchbrüche im Osten

Während der Erste Weltkrieg im Westen bis auf die ersten und letzten Monate im Grunde eine einzige gegenseitige Belagerung war, zeigte er im Osten ein ganz anderes Bild. Hier gelangen immer wieder schnelle Durchbrüche und weiträumige Offensiven. Vor allem die Deutschen konnten Erfolge erzielen, die bald die Schwierigkeiten - Entfernungen, Straßenzustand, Versorgung - vergessen ließen. Nicht umsonst sollten die Oberbefehlshaber im Osten, Paul von Hindenburg und Erich Ludendorff, nach dem Scheitern vor Verdun als Oberste Heeresleitung doch noch im Westen den Sieg erzwingen.

Die Rechnung ging bekanntlich nicht auf. So zogen Sieger und Verlierer am Ende gänzlich andere Schlüsse aus dem Grauen des Grabenkrieges. Die Franzosen nahmen ihr Standhalten in Verdun als Beweis dafür, dass Festungen auch in Zukunft jedem Angriff aus dem Osten widerstehen würden. Mit der Maginot-Linie errichteten sie daher die größte Festung der Welt. Die Deutschen suchten dagegen nach Möglichkeiten, den Krieg wieder in die Bewegung zu bringen. Dazu verbanden sie die Möglichkeiten des Verbrennungsmotors in Flugzeugen und Panzern mit der Stoßtrupp-Taktik, mit der sie im Grabenkrieg lokale Erfolge errungen hatten. Ernst Jünger oder Erwin Rommel hatten sich als Stoßtrupp-Führer den Orden Pour le Mérite verdient. Letzterer sollte einen Krieg später ganze Divisionen in diesem Sinne einsetzen.

Es ist erstaunlich, dass die Erinnerung an das Grauen des Krieges, die Allgegenwart von Millionen Kriegsversehrter und die Erkenntnis, dass drei Imperien zerstört, Staaten revolutioniert und Gesellschaften ruiniert und umgestülpt worden waren, nicht ausreichte, den nächsten Krieg zu verhindern. Vielmehr führt die Spur von 1918 direkt zu 1939. Eine Antwort darauf mag der Wunsch vieler Überlebenden gewesen sein, in der monströsen Apokalypse doch noch so etwas wie einen Sinn zu finden, und sei es der, den Krieg doch nicht verloren zu haben.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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