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Alexander Heinrich
Strenge Noten aus Paris

VERSAILLER VERTRAG Die Nachkriegsordnung belastete die Weimarer Republik. Ihre Chancen sahen nur wenige

Von links bis rechts sind sich die Abgeordneten einig: "Unannehmbar" sei dieser Friedensvertrag, "entehrend und vernichtend", eine Mischung aus "französischer Rachsucht und englischer Brutalität". Die Vertreter der Weimarer Nationalversammlung hatten sich an diesem 12. Mai 1919 in der Aula der Berliner Universität eingefunden, um ihren Unmut über die Friedensbedingungen kundzugeben. Nur wenige Tage zuvor hatten die Siegermächte des Ersten Weltkriegs der deutschen Delegation ihre Forderungen in Versailles übergeben. Von einer "Stunde der Abrechnung" hatte der französische Premier Georges Clemenceau dort gesprochen: "Sie haben uns um Frieden gebeten. Wir sind geneigt, ihn Ihnen zu geben."

Für die Abgeordneten in der Nationalversammlung waren die Forderungen der Alliierten ein Schock: Die Deutschen sollte nicht nur auf ein Achtel des Territoriums verzichten, darunter Elsass-Lothringen, das Saargebiet und große Teile Westpreußens. Sie sollten auch eine Besetzung des Rheingebietes auf Jahre hinaus akzeptieren ebenso wie eine restriktiv klein gehaltene Armee - ohne U-Boote, Panzer und ohne Luftwaffe. Dass der abgedankte Kaiser einem internationalen Strafgericht ausgeliefert werden sollte, galt im rechten Spektrum als ausgemachte Provokation. Besonders aber brachte der Artikel 231 im Vertragswerk die Abgeordneten auf, der als "Kriegsschuld-Artikel" Grundlage weitreichender Reparationszahlungen sein sollte: Demnach seien "Deutschland und seine Verbündeten als Urheber für alle Verluste und Schäden verantwortlich", die die Alliierten und Assoziierten infolge des Krieges, "der ihnen durch den Angriff Deutschlands und seiner Verbündeten aufgezwungen wurde, erlitten haben". Da die Höhe der Reparationen im Vertrag nicht konkret beziffert war, fürchtete man auf Jahrzehnte hinaus am Gängelband der Siegermächte zu laufen.

"Diktat-Frieden" Philipp Scheidemann (SPD), der erste Ministerpräsident der Weimarer Republik, fasste die aufgebrachte Stimmung unter den Abgeordneten an diesem 12. Mai in Berlin in die berühmten Worte: "Welche Hand müsste nicht verdorren, die sich und uns in diese Fesseln legt?" Das Protokoll vermerkte "brausenden Beifall im Hause und auf den Tribünen". Scheidemanns Urteil hatte Gewicht: Er war es, der sich 1917 im Reichstag für einen Verständigungsfrieden - ohne Annexionen - stark gemacht hatte und dafür von der rechten Seite des Hauses angefeindet wurde. Nunmehr sah man sich einer Nachkriegsordnung gegenüber, bei deren Verhandlung in Paris man noch nicht einmal anwesend sein durfte und die aus Sicht vieler Deutscher nichts anderes als ein "Versailler Diktat" war. Die Hoffnungen auf einen Frieden, der mehr oder weniger den Status Quo als europäische Großmacht wiederherstellte, waren zerschlagen. Sie wurden nicht zuletzt aus dem Geist des Vierzehn-Punkte-Plans von Anfang 1918 genährt, mit dem US-Präsident Woodrow Wilson das Selbstbestimmungsrecht der Völker als Kern einer Nachkriegsordnung betonte. Davon konnte nun aus deutscher Sicht kaum noch die Rede sein. Die Deutschen, so befand es der Philosoph Ernst Troeltsch, waren mit den Versailler Bedingungen brutal aus einem "Traumland der Waffenstillstandsperiode" gerissen worden. Hoffnungen, mit Eingaben und Stellungsnahmen an die Alliierten Milderungen zu erreichen, erfüllte sich nicht. Die deutschen Gegenvorschläge fanden bei der Entente nahezu kein Gehör, die Siegernationen bestanden im Wesentlichen auf dem Vertragswerk.

"Kriegsschuld-Artikel" Was also tun? An dieser Frage zerbrach Mitte Juni die erste "Weimarer Koalition" aus SPD, Zentrum und Deutscher Demokratischer Partei (DDP). Ministerpräsident Scheidemann sah sich zum Rücktritt gezwungen. Sein Nachfolger Gustav Bauer (SPD) empfahl nur zwei Tage später - und einen Tag vor Fristablauf der Alliierten - der Nationalversammlung, seiner Regierung die Unterschrift unter den Vertrag nicht zu versagen. Und er nannte dafür das entscheidende Argument: Am Folgetag, "soll der Krieg aufs Neue beginnen, wenn nicht unser Ja in Versailles ist". In seiner Ansprache vor den Abgeordneten wandte er sich vehement gegen Artikel 231. Er lege mit Nachdruck wert auf die Erklärung, dass die Forderung, "sich als alleiniger Urheber des Kriegs zu bekennen" für seine Regierung nicht annehmbar und eine solche Feststellung durch die Unterschrift nicht gedeckt sei.

Der Eugen Schiffer (DDP), kurz zuvor noch Justizminister im Kabinett Scheidemann, hielt diese Einschränkung nur für einen "papiernen Vorbehalt". Auch die Vertreter der rechten Opposition versagten ihre Zustimmung: Vom "Raub unserer Souveränität" und der "militärischen Entmündigung" sprach der ehemalige Reichs-Vizekanzler Arthur Graf von Posadowsky-Wehner (Deutschnationale Volkspartei, DNVP). Wilhelm Kahl (Deutsche Volkspartei, DVP) fand, dass mit einer Annahme des Friedens "der deutsche Staat als solcher vernichtet ist". Mit drastischen Worten skizzierte Paul Löbe (SPD) die Alternative: Verweigere Deutschland die Unterschrift, dann werde der Krieg erneut aufflammen, das Reich geteilt, am Ende ein Friede unterzeichnet werden müssen, "der noch schärfer werden würde". Adolf Gröber (Zentrum) erinnerte daran, dass nur der Friede die Chance böte, der Hungersnot Einhalt zu gebieten und die staatliche Einheit aufrechtzuerhalten. Mit den Stimmen von SPD und Zentrum, sowie der USPD und sechs weiterer Abgeordneter gab die Nationalversammlung schließlich ihr Plazet für Unterzeichnung - ohne damit anzuerkennen, dass das deutsche Volk Urheber des Krieges sei.

Haltloser Vorbehalt Auf den Knackpunkt dieses Vorbehalts hatte allerdings der Abgeordnete Hugo Haase (Unabhängige Sozialdemokraten, USDP) hingewiesen: Was eigentlich mache die Regierung so sicher, dass ihre Einschränkung von der Entente nicht als Ablehnung des Vertrages aufgefasst würde? Die Antwort der Alliierten folgte jedenfalls noch am gleichen Abend und sie ließ an Deutlichkeit nichts vermissen. In ihrer Note forderten sie "eine unzweideutige Erklärung" der deutschen Seite, den Vertrag in seiner endgültigen Form anzunehmen - oder abzulehnen.

Unter diesen Umständen drohte die Zustimmung in der Nationalversammlung zu kippen. Es waren dramatische Stunden. Ministerpräsident Bauer umriss die ausweglose Lage in seiner Ansprache am 23. Juni denkbar knapp: "Unterschreiben wir! Das ist der Vorschlag, den ich Ihnen im Namen des gesamten Kabinetts machen muss. Bedingungslos unterzeichnen!" Ein neuer Krieg sei nicht zu verantworten, fuhr er fort, "selbst wenn wir Waffen hätten. Wir sind wehrlos. Wehrlos ist aber nicht ehrlos". Es folgten Erklärungen der Vertreter von DDP, DVP und DNVP, die Unterzeichnung weiterhin abzulehnen - die "vaterländische Gesinnung" all jener Abgeordneten, die sich anders entscheiden würden, aber nicht in Zweifel zu ziehen. Am Ende votierte die Nationalversammlung "mit großer Mehrheit" für die Unterschrift, wenige Stunden bevor das Pariser Ultimatum auslief. Kurz darauf, am 28. Juni 1919, unterschrieben für die deutsche Seite die Minister Hermann Müller (SPD) und Johannes Bell (Zentrum) den Friedensvertrag - im symbolträchtigen Spiegelsaal von Versailles, in dem 1871 Wilhelm I. zum deutschen Kaiser proklamiert worden war.

Ob sie eine andere Wahl hatten, darüber ist in Weimarer Zeit heftig gestritten worden. Der Friedensvertrag war auf Jahre hinaus eine schwere Hypothek - nicht nur ökonomisch, sondern vor allem auch für das politische Klima der jungen Republik. Keine Gelegenheit ließ die extreme Rechte aus, gegen das "Schanddiktat von Versailles" zu agitieren, die Regierung in Berlin als "Novemberverbrecher" und "Handlanger der Alliierten" zu diffamieren. Insbesondere die NSDAP konnte mit ihren Kampagnen auch deshalb erfolgreich sein, weil der "Anti-Versailles-Furor" (Eberhard Kolb) bis weit in die gesellschaftliche Mitte hineinreichte. Der Sozialdemokrat Carlo Mierendorff sprach 1930 mit Blick auf den "Kriegsschuldparagraphen" von einer "einzigartigen Autosuggestion eines ganzen Volkes, das einen Vertragsartikel zu seinen Ungunsten interpretiert, sich gedemütigt fühlt und Revision erheischt".

Es waren "Vernunftrepublikaner" wie Walther Rathenau (DDP) und Gustav Stresemann (DVP), die als Minister, Stresemann kurzzeitig als Kanzler, in wechselnden Koalitionen mit SPD und Zentrum nach Chancen und Lösungen suchten, statt "Versailles" stets und zuallererst als rotes Tuch wahrzunehmen. Durch Kooperation, Verständigung und Aussöhnung mit den europäischen Nachbarn konnte die außenpolitische Isolation aufgebrochen, die Härten der Reparationen gemildert, kurzum mehr von "Versailles" revidiert werden, als man das 1919 zu hoffen wagte. Im Sommer 1932 schrumpften die Gläubiger ihre Reparationsforderungen auf einen symbolischen Restbetrag. Nur wenige Wochen später wurde die NSDAP zur größten Fraktion im Reichstag gewählt. Ein maßgeblicher Teil der Deutschen setzte damit auf jene Kräfte, die mit ihren Kampagnen gegen die "Erfüllungspolitiker" dem rechtsterroristischen Mord an Rathenau kräftig Vorschub geleistet hatten.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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