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Hans Krump
Die zögerlichen Deutschen

GEDENKEN Die Bundesregierung hält sich beim Thema Weltkriegs-Jubiläum bislang zurück. Immerhin hat Präsident Gauck inzwischen einige Auftritte zur Erinnerung an 1914 festgelegt. In Deutschland gibt es dazu schon etliche Ausstellungen

Schwieriges Terrain" sei das Ganze mit dem Erinnerungsjahr 2014, sagt Stefan Martens, stellvertretender Direktor beim Deutschen Historischen Institut in Paris. Das Institut ist einer der deutschen Partner bei den französischen Vorbereitungen zum Jahrhundert-Gedenken an den Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Während Frankreich unter staatlicher Regie das Gedenken professionell vorbereitet, tut sich in Deutschland von offizieller Seite vergleichweise wenig. Im federführenden Auswärtigen Amt (AA) wurde zu Jahresbeginn der Diplomat Andreas Meitzner zum "Sonderbeauftragten für die Gedenkveranstaltungen zum Beginn des Ersten Weltkrieges" ernannt. Er ist für die internationale Koordinierung des Gedenkens zuständig.

Die bisherige amtliche Zurückhaltung hat nicht nur mit dem föderalen Aufbau der Bundesrepublik zu tun, sondern vor allem mit der Bundestagswahl und der danach schleppenden Regierungsbildung. Von Außenminister Guido Westerwelle (FDP) habe es bis zuletzt "keine klaren Vorgaben gegeben", moniert ein enttäuschter deutscher Geschichts-Professor. Erst vom Nachfolger Frank-Walter Steinmeier (SPD) werden regierungsamtliche Impulse zum Gedenkjahr erwartet. Ob es wieder eine große deutsch-französische Geste gibt wie 1984, als sich Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) und Präsident François Mitterand über den Gräbern von Verdun eindrucksvoll die Hand reichten, bleibt abzuwarten. Der Deutsche Bundestag wird sich jedenfalls im kommenden Jahr, womöglich mit internationaler Beteiligung, am Gedenken beteiligen.

Paris prescht vor Vor allem die Franzosen, die an den "Großen Krieg" immer wieder "sinnstiftend" erinnern und aus der "Kraft der Vorfahren" (so Staatspräsident François Hollande) 2014 neue Stärke gewinnen wollen, streben bei ihren Feiern deutsche Beteiligung an. Immerhin hat Bundespräsident Joachim Gauck einige Auftritte bekanntgegeben. Am 3. August trifft sich Gauck mit Hollande im elsässischen Hartmannswillerkopf, wo im Kampf um eine Bergkuppe zehntausende Deutsche und Franzosen im Weltkrieg fielen. Auch mit dem belgischen König Philippe kommt der Bundespräsident zusammen. Am 4. August 2014 ist in Lüttich ein multinationales Treffen geplant. Am gleichen Tag könnte es auch eine Veranstaltung mit Königin Elisabeth II. und Gauck in England geben. Auch die Russen erwägen eine internationale Zusammenkunft in St. Petersburg. Für den Bundespräsidenten und die Bundesregierung ist der Erste Weltkrieg aber nur ein politisch-historisches Jubiläum, das man im kommenden Jahr Blick hat. Denn 2014 wird auch des 75. Jahrestags des Ausbruchs des Zweiten Weltkriegs in Europa gedacht und des Wendebeginns in der DDR und in Osteuropa vor 25 Jahren.

Bislang hat die deutsche Regierung das Thema Erster Weltkrieg eher tief gehängt. "Sinnstiftende" Deutungen wie in Frankreich, England, Belgien und anderen Siegerstaaten, wo der Erste Weltkrieg im Zentrum nationaler Erinnerung steht, sind beim Kriegsverlierer nicht möglich. Ist mit dieser "Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts", so der US-Historiker George F. Kennan, doch hierzulande auch Versailles, das Scheitern der Weimarer Republik und letztlich die Hitler-Diktatur und der Zweite Weltkrieg verknüpft. Vor allem die viel größere Katastrophe des Zweiten Weltkriegs 1939-1945 und die nationalsozialistischen Verbrechen, in Deutschland stets präsent gehalten, haben andere Epochen wie das Geschehen des Ersten Weltkriegs in den Schatten gedrängt.

Folglich kann man in Deutschland mit der aktiven Erinnerungspolitik anderer Länder an 1914-1918 nur wenig anfangen. Darüber empören sich Historiker wie Professor Gerd Krumeich, Kenner des Ersten Weltkriegs und einziger Deutscher im Expertenkreis des Pariser Verteidigungsministeriums für die Vorbereitung der französischen Gedenkfeiern. Er wirft den Deutschen Desinteresse vor, das er für eine "Dummheit" hält. Krumeich: "In Frankreich, Belgien oder England kann man die Haltung deutscher Diplomaten oder Politiker nicht verstehen, wenn diese fragen, was denn so schlimm daran sei, wenn die Deutschen bei den Feiern nicht dabei sind." An einem Engagement komme die deutsche Regierung aber nicht vorbei. Krumeich rät der Bundesregierung, aktiv am Diskurs zur Geschichte des Ersten Weltkriegs als "wichtigen Teil der Erinnerung im heutigen Europa" teilzunehmen. Der Berliner Geschichts-Professor Oliver Janz sieht dagegen die Regierung weniger in der Pflicht, sich auf zwischenstaatlicher Ebene mehr zu engagieren. Deutschland als "europäischste der Nationen" solle aber initiativ werden, die nationalen Erinnerungen an 1914 bis 1918 "als globale Erinnerung zusammenführen".

Immerhin hat am 14. November im Bundesaußenministerium unter der Regie von Botschafter Meitzner ein Treffen mit Vertretern von 20 "Institutionen der Zivilgesellschaft" stattgefunden - vom Goethe-Institut, dem Deutschen Historischen Museum bis hin zum Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge oder Militärhistorischen Museum der Bundeswehr. Dabei tauschte man sich über die eigenen Initiativen aus. Das Treffen in Berlin zeigte die vielen Akzente, die diverse Institutionen hierzulande schon gesetzt haben bzw. für 2014 setzen. Im kulturföderalen Deutschland sind für solche Veranstaltungen in erster Linie die Länder, Kommunen, Kirchen sowie die einzelnen Organisationen und Institute vor Ort zuständig.

Westerwelles Auftritt Zum Auftakt des Gedenkens hatte Guido Westerwelle in der Bundeskunsthalle in Bonn Anfang November die Ausstellung "1914 - Avantgarden im Kampf" eröffnet. In ihr wird gezeigt, wie Künstler auf das Geschehen vor 100 Jahren eingingen. In seiner Rede entfaltete der Außenminister ein Narrativ vom "Schrecken der großen Materialschlachten" 1914-1918 über den "Vernichtungskrieg" des nationalsozialistischen Deutschlands 1939-1945 und der anschließenden Teilung Deutschlands bis hin zu den "friedlichen Revolutionen" ab 1989 und der heutigen EU als "Friedensunion nach innen und außen".

Eine solche Erzählweise ist aber nicht überall unumstritten, wie auch in der Expertenrunde im November im Auswärtigen Amt eingeräumt wurde. Vor allem in Großbritannien wird die in Berlin propagierte "sinnstiftende" Einbettung des Ersten Weltkriegs ins Ziel der europäischen Integration nicht überall geteilt. Im August hatten deutsche Diplomaten in London noch dafür geworben, nicht herauszustellen, wer den Krieg gewonnen oder wieviel Schuld daran habe, sondern die rund 15 Millionen Opfer aller Nationen zu betonen. In Großbritannien will man aber auch heute noch den Sieg feiern. Der britische Historiker Hew Strachan sagt: "Viele Menschen haben im Glauben gekämpft, dass es lohnenswert ist. Wir müssen diese Motivation respektieren." Im Bundesaußenministerium wird konzediert, "dass jede Nation ihre eigene Sicht auf den Weltkrieg haben darf, aber eben auch wir Deutsche", sagt Außenamts-Sprecher Holger Dreiseitl.

Abseits solcher geschichtspolitischen Debatten ist deutschlandweit schon sehr viel zum Gedenken in Gang gekommen. Einiges läuft auf regionaler Ebene, so das vom Landesmuseum Bonn koordinierte Projekt "1914 - Mitten in Europa. Das Rheinland und der Erste Weltkrieg" des Landschaftsverbandes Rheinland. Hier gibt es zwölf Ausstellungen an verschiedenen Orten. Dem Krieg kann man sich auch durch Bücher nähern. Seit August läuft im Deutschen Literaturarchiv in Marbach die Ausstellung "August 1914". Auch Europas Jugend soll auf vielen Veranstaltungen einbezogen werden, wie beim Jugendgeschichtscampus der Bundeszentrale für politische Bildung im Mai 2014 ("Europe 14/18") in Berlin.

Auf einigen Historiker-Kongressen wurde hierzulande schon über den Ersten Weltkrieg diskutiert - 2014 stehen weitere Veranstaltungen an. Es gibt inzwischen auch bedeutende Online-Projekte. So arbeitet die Freie Universität Berlin unter Leitung von Professor Janz mit internationalen Partnern an einer umfassenden Enzyklopädie zum Ersten Weltkrieg. Die Staatsbibliothek Berlin will 2014 - ebenso in internationaler Kooperation - 400.000 wichtige Quellen aus dem Krieg online verfügbar machen. Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge, der im kommenden Jahr 60 internationale Workcamps auf Kriegsgräberstätten im In- und Ausland plant, hat bereits eine Internetplattform installiert. Es ist zum Gedenken auf breiter gesellschaftlicher Ebene schon vieles in Gang gekommen, die Politik dürfte bald folgen.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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