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AUFGEKEHRT
Verena Renneberg
Morgenstund' ist ungesund!

Beim Gruß "Guten Morgen" fragen sich echte Morgenmuffel jeden Tag aufs Neue, was um alles in der Welt an einem Morgen gut sein soll. Täglich müssen sie sich der Herausforderung des frühen Aufstehens stellen, obwohl sie eigentlich nachtaktiv sind. Wie für jedes Leiden gibt es auch für dieses eine Diagnose und eine Bezeichnung: "Sozialer Jetlag". Soll heißen: Die sogenannten "Nachteulen" unter den Bundesbürgern leiden unter der typisch deutschen Frühaufstehermoral.

Dass die Nachtmenschen einen anderen Tagesrhythmus haben, macht sie nicht zu schlechteren Menschen. Sie können sogar besonders aktiv und kreativ sein. Nur eben nicht morgens.

Besonders schlimm sind für Nachtmenschen vor allem Montagmorgen - so wie Montage eigentlich überhaupt. Letztere gehören eigentlich abgeschafft: Hätte es den vergangenen Montag nicht gegeben, wäre der Papst nicht zurückgetreten, und Nordkorea hätte nicht mit einem erneuten Atomtest die Weltöffentlichkeit provoziert. Offenbar kommt man auf derartige Ideen nur an Montagen.

Es gibt gute Gründe, weshalb Museen und Friseursalons generell montags geschlossen bleiben, wie auch so manches Restaurant. Und Gründe, weshalb man bei reparaturanfälligen Autos von "Montagsautos" spricht. Nicht umsonst finden die Plenardebatten im Bundestag sicherheitshalber donnerstags und freitags statt. Das Montagstief ist gesellschaftlich soweit akzeptiert. Ganz im Gegensatz zum sozialen Jetlag übrigens. Viele Alternativen haben dessen Opfer nicht, außer vielleicht Schichtarbeit - und Politik: Dank der anstehenden Bundestagswahl gibt es wieder Arbeit in Schattenkabinetten zu vergeben. Das fühlt sich wenigstens ein wenig an wie Nachtarbeit.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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