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ORTSTERMIN: DER JAKOB-MIERSCHEID-STEG
Helmut Stoltenberg
Eine Brücke für den ideellen Gesamtabgeordneten

Ein Gespenst geht um im Parlamentsviertel, mag mancher denken beim Überschreiten des "Jakob-Mierscheid-Stegs", der von einem Bundestags-Gebäude über die Spree hinweg zum anderen führt. Gemeint ist nicht etwa das Gespenst der sozialliberalen Koalition, das - zumal in Vorwahlkampfzeiten - bisweilen auch herumgeistert. Zwar verbindet der Mierscheid-Steg mit dem Paul-Löbe-Haus und dem Marie-Elisabeth-Lüders-Haus zwei Parlamentsimmobilien, die nach historischen Persönlichkeiten von SPD und FDP benannt sind; er schlägt somit, ließe sich sagen, auch eine Brücke zwischen sozialdemokratischer und liberaler Tradition. Doch hier geht es um einen anderen Geist - "unseren guten Geist", wie der frühere SPD-Fraktionschef Peter Struck einst Jakob Mierscheid nannte, der - Zufall? - seit sozialliberaler Regierungszeit als Mitglied der SPD-Fraktion geführt wird, nämlich seit 1979.

Es liegt nahe, dass mit der am 1. April 2004 erfolgten Benennung des die einstige Ost-West-Grenze querenden Stegs nach Mierscheid auch dessen verbindender Charakter gewürdigt werden sollte. Immerhin wurde der Schneidermeister a.D. aus Morbach im Hunsrück im selben Jahr anlässlich seines 25-jährigen Abgeordneten-Jubiläums auf seiner offiziellen Bundestags-Homepage als "für die Traditionalisten: der ideelle Gesamtabgeordnete, für die Modernisierer: der virtuelle Parlamentarier" beschrieben.

In wenigen Tagen, am 1. März, wird Mierscheids 80. Geburtstag begangen, und trotz dieses hohen Alters dürfte auch in der nächsten Wahlperiode von seiner Arbeit als Volksvertreter zu lesen sein - was nicht jeder der anderen 620 Abgeordneten von sich sagen kann. Schon zu seinem 73. Geburtstag hatte er seinen Fraktionsgenossen angekündigt, ihnen "noch lange erhalten zu bleiben", und zur Begründung angeführt, er sei "immer noch fünf Jahre jünger, als Josef Ratzinger war", als dieser Papst wurde. Dessen jetzige Rücktrittsankündigung will sich Mierscheid offenkundig nicht zum Vorbild nehmen: "Wehe, jemand erwartet jetzt, dass ich auch zurücktrete", kommentierte er vergangene Woche den Papst-Rücktritt via Twitter.

Ja, Twitter! Mierscheid mag in der altdeutschen Sütterlin-Schrift unterschreiben, doch nutzt er den modernen Kurznachrichtendienst (5.393 Followers) ebenso wie den SPD-Fraktionsblog, um Präsenz zu zeigen - erstaunlich für einen Mann, auf dessen Homepage als ein Schwerpunkt seiner Arbeit "die Aufzucht und Pflege der geringelten Haubentaube in Mitteleuropa und anderswo" steht. Doch in Mierschied versöhnt sich offenkundig auch Gegensätzliches, was wiederum für den Mierscheid-Steg als Sinnbild des - in einer Demokratie unverzichtbaren - verbindenden Elements spricht. Dem gelegentlichen Einwand, die Namensgebung sei nicht amtlich, ist zu entgegnen: Sie ist nicht weniger offiziell als Mierscheid real! Dass an der Brücke das Schild mit seinem Namen nur kurz zu finden war, liegt dem Vernehmen nach weniger daran, dass Bundestagsgebäude nur nach nicht mehr lebenden Personen benannt werden, als an Problemen der Befestigung: "Die Bolzen, die wir hatten, erwiesen sich als Nieten", hieß es damals.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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