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Christina Berndt
Auf Leben und Tod

ORGANSPENDE Die Transplantationsmedizin hat Ansehen verspielt. Dafür gibt es viele Gründe

Zufrieden lehnten sich die Parlamentarier nach der Abstimmung zurück. Als sie Ende Mai 2012 die Novelle des Transplantationsgesetzes den Bundestag passieren ließen, dachten die meisten von ihnen, sie hätten nun erst einmal genug für die Organspende getan. 2012 sollte das Jahr all jener Kranken werden, die so dringend auf ein Spenderorgan warteten. Mehrere Fraktionschefs hatten sich dafür im Vorfeld zusammengetan. Der SPD-Fraktionsvorsitzende Frank-Walter Steinmeier, der im Sommer 2010 seiner Frau eine Niere gespendet hatte, und der Fraktionschef von CDU/CSU Volker Kauder kündigten dann im Juni 2011 einen fraktionsübergreifenden Gesetzentwurf an. Mit dieser Regelung sollte dafür Sorge getragen werden, dass mehr Deutsche nach ihrem Tod Organe spenden. (Zur aktuellen Gesetzeslage siehe Seite 4.)

Sie ahnten nicht, dass das Thema Organspende nur wenig später vornehmlich Entsetzen und Abneigung hervorrufen würde. Denn am Universitätsklinikum Göttingen hatte zu dieser Zeit längst begonnen, was sich nach und nach als der größte Transplantationsskandal in der Geschichte der Bundesrepublik herausstellen würde.

Schon ein halbes Jahr zuvor hatte ein anonymer Anrufer auf dem Anrufbeantworter der Deutschen Stiftung Organtransplantation eine höchst beunruhigende Nachricht hinterlassen: Was man denn tun müsse, um in Göttingen eine Leber zu bekommen, fragte er. "Oder kann man die Organe direkt bei Ihnen kaufen?" Der Fall eines russischen Patienten hatte am Klinikum Aufsehen erregt. Der offenkundig akut alkoholkranke Mann bekam dort in Windeseile eine Spenderleber, obwohl er als Ausländer, der noch gesund genug war, die Heimreise anzutreten, in Deutschland gar keinen Anspruch auf ein Spenderorgan hatte.

Sein Arzt hatte offenbar einen Trick angewendet: Er hatte dem Patienten neben seiner Leberzirrhose auf dem Papier auch noch ein Nierenleiden angedichtet, indem er angab, der Mann sei dialysepflichtig. So schien der Patient nicht mehr reisefähig zu sein. Vor allem aber rutschte er durch die vorgetäuschte Dialyse auf der Warteliste weit nach oben. Eine Transplantation erschien plötzlich als furchtbar dringend, wollte man den Tod des Mannes abwenden. Und tatsächlich wurde ihm sehr zeitnah eine Spenderleber zugeteilt.

Bald stellte sich heraus: Falsche Angaben hatten Ärzte beileibe nicht nur für den Russen gemacht. Bei einer ganzen Reihe von Patienten war im Universitätsklinikum Göttingen eine Dialyse nur vorgetäuscht worden; bei anderen ließen verfälschte Blutwerte die Patienten kränker erscheinen, als sie waren. Auf diese Weise erhielten in Göttingen, so der Stand der Ermittlungen, knapp 60 Patienten eine Leber, die dafür noch gar nicht an der Reihe waren.

Zahlreiche andere Patienten mussten aber infolge der Manipulationen sehr viel länger auf eine Leber warten, als dies aufgrund des eklatanten Organmangels in Deutschland ohnehin schon nötig war - mit stetig nachlassenden Kräften und einer größer werdender Angst vor dem Tod. Gewiss haben manche von ihnen nicht mehr rechtzeitig ein Spenderorgan erhalten, denn Patienten, die oben auf der Warteliste für eine Lebertransplantation stehen, sind gemeinhin sterbenskrank.

Staatsanwaltschaften ermitteln

Trotz dieser furchtbaren Konsequenzen für die übergangenen Patienten ist Göttingen keineswegs das einzige deutsche Universitätsklinikum, an dem in Sachen Lebertransplantation nicht alles mit rechten Dingen zuging. Vier Universitätskliniken sind mittlerweile in den Skandal verstrickt - neben Göttingen auch Regensburg, München rechts der Isar und Leipzig. Es geht insgesamt um rund 180 Verdachtsfälle. In allen Städten ermitteln die Staatsanwaltschaften. Alle beschuldigten Ärzte bestreiten die Vorwürfe. Die Schicksale der übergangenen Kranken machen sprachlos. Wer auch immer für die Manipulationen verantwortlich ist: Wie konnten Ärzte das längere Leid, gar den Tod einzelner Patienten in Kauf nehmen? Man ist geneigt, zuerst an Geld zu denken: Gewiss haben sich die verantwortlichen Mediziner von ihren Patienten bezahlen lassen, damit sie ihnen unter Einsatz unlauterer Methoden eine Leber zuschachern, sind viele Bürger überzeugt. Doch vermutlich ist Geld gar nicht das Motiv gewesen. Außer dem begüterten Russen in Göttingen handelte es sich bei den bevorzugten Patienten fast immer um ganz gewöhnliche gesetzlich Versicherte.

Doch in der Transplantationsmedizin gibt es noch eine andere Währung, die Ärzte erheblich stärker verführen kann als der schnöde Mammon. Diese Währung heißt Renommee. Die Transplantationschirurgie ist ein prestigeträchtiges und hart umkämpftes Feld. Insgesamt werden in Deutschland pro Jahr gerade einmal 4.000 Organe verpflanzt. 47 Zentren konkurrieren um die wenigen Patienten.

Wer viel transplantiert, hat unter Chirurgen ein hohes Ansehen - häufig allerdings auch beim kaufmännischen Direktor seiner Klinik. Denn die Transplantationsmedizin kann für ein Krankenhaus vor allem dann lukrativ sein, wenn möglichst viele Organe verpflanzt werden. Nicht umsonst hatte das Universitätsklinikum Göttingen mit dem Leiter seiner Transplantationschirurgie eine Bonuszahlung vereinbart: 1.500 Euro bekam der Mann pro verpflanzter Leber, wenn er sein Jahressoll überschritt. Noch dazu hängt die Lizenz für Transplantationen davon ab, dass bestimmte Mindestzahlen erreicht werden. Das ist an sich eine sinnvolle Lösung, denn es kann kaum gut für die Patienten sein, wenn sie von einem Arzt operiert werden, der eine so komplizierte Operation wie eine Herz- oder Lebertransplantation nur zweimal im Jahr vornimmt.

Doch die Mindestmengen setzen die Kliniken unter Druck. In München stand das Programm kurz vor der Schließung, als die Manipulationen dort begannen. Auch in Göttingen und Regensburg befanden sie sich auf extrem niedrigem Niveau und stiegen dann rasant.

Eine weitere Erklärungsmöglichkeit sollte man aber nicht ausschließen: Mitunter mag auch Mitgefühl mit den Patienten die Triebfeder gewesen sein. Im Anblick des täglich zu sehenden Leids mögen manche der verantwortlichen Mediziner ausgeblendet haben, dass sie mit ihren Manipulationen anderen, noch kränkeren Patienten anderswo schaden. Manche Ärzte fühlten sich dabei womöglich im Recht, weil sie die bestehenden Richtlinien für die Organvergabe ohnehin für falsch halten. Dass sie meinten, vor diesem Hintergrund selbst entscheiden zu dürfen, wessen Leben als erstes zu retten sei, überrascht gerade im Fach Chirurgie nicht.

Schon die ganz gewöhnliche Chirurgie gilt als Königsdisziplin der Medizin. Während Internisten und Onkologen ihren Patienten oft hilflos gegenüberstehen, ist die Chirurgie das Fach der Macher und des Machbaren. "Wenn du morgens aufstehst, habe ich schon drei Leben gerettet", ist so ein Chirurgenspruch. Noch mehr aber gilt dies in der Transplantationschirurgie, wo auf atemberaubende Weise zwei menschliche Schicksale miteinander zu einem neuen verknüpft werden. Mehr noch als andere Ärzte erfahren Transplantations- chirurgen größte Dankbarkeit von ihren Patienten und deren Familien. Der Grat zwischen Erfüllung im Beruf und Hybris ist hier zwangsläufig schmal, und so mancher Halbgott in Weiß möchte auch einmal Gott spielen. Immerhin: Seit die Manipulationen bekannt geworden sind, hat das glänzende Selbstbild der Chirurgen ein paar Kratzer bekommen.

Die Klugen unter ihnen erkennen jetzt hoffentlich, dass ihre Disziplin mehr noch als andere medizinische Fachrichtungen Erneuerung braucht. Mancher Chefarzt hält sich für den letzten absolutistischen Herrscher in Europa. Untergebene wagen oft nicht einmal aufzumucken, wenn sie um das Leben des vom Chef behandelten Patienten fürchten. Ähnlich wie in der Luftfahrt müssten Kliniken ihre Nachwuchsärzte aber trainieren, Vorgesetzten zu widersprechen und Fehler sanktionsfrei zu melden. Es ist kaum anzunehmen, dass in den betroffenen Kliniken jeweils nur einzelne Ärzte von den Manipulationen wussten. Und doch hat jahrelang niemand die Öffentlichkeit oder die zuständigen Stellen informiert - bis es die Ärzte in Göttingen mutmaßlich so stark übertrieben haben, dass ein Klinikmitarbeiter beherzt zum Telefon griff.

Mehr Kontrolle und Transparenz muss es aber auch nach außen geben. Die Bereitschaft, Organe zu spenden, lässt sich nur wiederbeleben, wenn die Menschen allen Vorgängen rund um die Transplantationsmedizin vertrauen. Vertrauen aber kann nicht blind sein. Das hat nun auch die Politik erkannt. Viel schneller, als ihr wohl lieb war, musste sie das Thema Organspende wieder anpacken.

In kurzer Zeit setzte Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) ein paar wesentliche Neuerungen in den Kliniken durch, die zu mehr Kontrolle über die Chirurgen und zu mehr Transparenz über den Verbleib der Organe führen sollen. Härtere Sanktionsmöglichkeiten sollten den Neuregelungen nun noch Nachdruck verleihen, damit Ärzte lernen, was ihre Patienten schon längst wissen: Sie haben keinen Anspruch auf die Organe Verstorbener. Sie dürfen für deren selbstlose Spende einfach nur dankbar sein

Aus Politik und Zeitgeschichte

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