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Ansgar Graw
Amerika im Ölrausch

ENERGIE I Erdgas und Erdöl aus früher nicht zugänglichen Quellen haben die Energielandschaft in den USA verändert. Vieles erinnert an den Goldrausch des 19. Jahrhunderts. Doch Aktivisten laufen Sturm gegen das "Fracking"-Verfahren

Wer ein Wunder besichtigen will, muss nach North Dakota reisen. In dem Bundesstaat an der Grenze zu Kanada hat sich nach Ansicht amerikanischer Medien ein solches ereignet. North Dakota hat die höchste Beschäftigungsquote der Vereinigten Staaten. 53,6 Prozent der Erwachsenen arbeiten mindestens 30 Stunden pro Woche. Ganze 3,2 Prozent beträgt die offizielle Arbeitslosenquote.

Das Wunder wird begreiflich durch den Vergleich mit anderen Bundesstaaten. Beispielsweise mit Mississippi, dem Schlusslicht in der aktuellen Gallup-Erhebung, wo nur 38,5 Prozent beschäftigt sind. Oder mit Nevada, wo die Arbeitslosenquote bei über zehn Prozent liegt. North Dakota ging es nie sonderlich schlecht. Aber 1990 rangierten North Dakota und Nevada mit 4,1 Prozent und 4,6 Prozent noch dicht beieinander. Im US-Durchschnitt liegt die Quote heute bei 7,9 Prozent.

Der Unterschied

"Fracking" macht den Unterschied. Das Kürzel steht für hydraulische Frakturierung, also die Förderung von Öl und Gas aus tiefliegenden Gesteinsschichten. Es wird herausgewaschen mit Hilfe eines Sand-Wassergemischs, dem geringe Mengen an Chemikalien beigefügt sind. Die Nation solle das Fracking von öl- und gashaltigen Schieferfeldern "willkommen heißen", warb Präsident Barack Obama im Sommer.

Bereits vor fast 150 Jahren wurde Fracking ausprobiert. Aber erst in diesem Jahrhundert wurde die Technik durch die Kombination mit ausgereiften Horizontalbohrern derart perfektioniert, dass sie den Energiesektor weltweit revolutioniert. Binnen weniger Jahre wurde das dünn besiedelte North Dakota zur neuen Bonanza der USA. Andere Regionen ahmen ebenfalls die Zeiten des Goldrausches des 19. Jahrhunderts nach: Das Marcellus-Schiefergestein unter den Bundesstaaten New York, Pennsylvania, dem Osten von Ohio und West Virginia enthält gewaltige Gasvorräte. In Louisiana wird aus dem Haynesville-Schiefer Gas gewonnen. Die Texaner beuten das Barnett-Schiefergestein rund um Dallas und Fort Worth aus. Im nördlichen Kalifornien werden bis zu 400 Milliarden Barrel Öl vermutet - das ist die Hälfte der Vorkommen Saudi-Arabiens.

Hinzu kommen indirekte Profiteure. Wisconsin liefert den Sand, der unter Hochdruck in die Bohrschächte gepresst wird und das Schiefergestein auswäscht. Über 20.000 Arbeitsplätze sollen dadurch bereits in Wisconsin entstanden sein. Zum Ende des Jahrzehntes werden es 33.000 sein, heißt es in einer (von der Ölindustrie gesponserten) Studie von IHS Global Insights. Und in South Carolina werden Reifen produziert, mit denen sich Riesen-Trucks durch die "Ölsande" im kanadischen Alberta kämpfen.

Doch es geht um mehr als Arbeitsplätze. Bis 2020 könnten die USA vom größten Ölimporteur zum größten Energieproduzenten werden, heißt es in einer aktuellen Analyse der Internationalen Energieagentur (IEA). Ab 2030 werden die Vereinigten Staaten danach Öl und Gas sogar exportieren und ab 2035 gänzlich autark sein.

"Energie-Unabhängigkeit" ist seit 2008 eines der ständig proklamierten Ziele Obamas. Vergangene Woche bei seiner Rede Zur Lage der Nation (State of the Union) sagte der Präsident: "Der Erdgas-Boom hat zu sauberem Strom und größerer Energieunabhängigkeit geführt. Das müssen wir fördern". Er kündigte an, weitere Öl- und Gasbohrungen zu genehmigen. Ein Teil der Gewinne solle genutzt werden, "um eine Energiesicherheits-Stiftung zu gründen, die Forschung und Technologien vorantreibt, um unsere Autos und Lkw endgültig vom Öl wegzubringen".

Obamas Fahrplan

Der kurvenreiche Fahrplan des Präsidenten lautet also: Wir fördern mehr Erdöl, um am Ende auf Erdöl verzichten zu können und den in der Rede ebenfalls beschworenen Kampf gegen den Klimawandel zu erleichtern.

Nicht jeder findet diese Idee überzeugend. Für viele Amerikaner ist Fracking kein Zauberwort, sondern ein böser Fluch. Am vorigen Mittwoch, einen Tag nach Obamas Rede an die Nation, ketteten sich Mitglieder des Sierra Club, der renommiertesten und ältesten Naturschutzorganisation der USA, an das Tor zum Weißen Haus. Sie wollten ihre Forderung nach einem endgültigen Aus für das Projekt Keystone XL unterstreichen. Dabei handelt es sich um den geplanten Ausbau einer insgesamt 3.500 Kilometer langen Pipeline, die von Kanada bis nach Texas quer durch die Vereinigten Staaten führen soll. Zu den Demonstranten, die vorübergehend ins Gefängnis kamen, gehörten Prominente wie der einschlägig bekannte Umweltaktivist Robert F. Kennedy jr., Neffe des 1963 erschossenen Präsidenten John F. Kennedy.

Während die eigentliche Keystone-Pipeline bereits seit 2010 in Betrieb ist, sollte Keystone XL in Nebraska durch Naturschutzgebiete führen. Aber inzwischen hat Gouverneur Dave Heineman einem veränderten Verlauf zugestimmt. "Bau und Betrieb der vorgeschlagenen Pipeline Keystone XL", so schrieb der Republikaner im Januar an den Präsidenten, "hätten damit minimale Umweltfolgen für Nebraska".

Das 3.500 Kilometer lange und knapp einen Meter breite Röhrensystem soll Ölsand zu Raffinerien in Illinois, Oklahoma und an der texanischen Golfküste befördern. Ein Ja zu dem Sieben-Milliarden-Dollar-Projekt würde Amerikas Umweltschützer erzürnen und ein Nein die wirtschaftsfreundlichen Kreise empören. Im Wahlkampfjahr 2012 schob Obama das Projekt darum auf die lange Bank. Doch in diesem Jahr wird mit einer Entscheidung gerechnet.

Umweltschützer warnen, Keystone XL werde Landschaft zerstören und durch Lecks die Natur vergiften. Auch Fracking gefährde die Gesundheit der Anwohner. Die Flüssigkeit, die Gas und Öl aus dem Gestein wasche, dringe ins Grundwasser ein und mache es ungenießbar und giftig. Das Argument der Fracking-Firmen, der Anteil der Chemikalien sei minimal, lassen sie nicht gelten. Weil gewaltige Mengen des SandWassergemischs eingesetzt würden, kämen jeden Tag eben doch etliche Tausende Liter an Chemikalien zusammen. Dort, wo sie sich sammeln, sei ihre Wirkung gefährlich.

Von mysteriös verendeten Rindern in Gasfördergebieten ist die Rede. Unter einer Farm in North Dakota soll der Grundwasserspiegel wegen der Bohrungen so stark abgesunken sein, dass Felder vertrockneten und Olivenbäumen abstarben. Menschen klagen über Reizungen und Atemprobleme.

Erbitterte Debatten

Auch in den betroffenen Bundesstaaten gibt es darum erbitterte Debatten. In dem ohnehin an hohe Umweltstandards gewöhnten Kalifornien verlangen die Abgeordneten aktuell noch schärfere Auflagen. Der Staat New York verfügte vor viereinhalb Jahren einen vorläufigen Stopp. Gouverneur Andrew Cuomo hat eine für Februar angekündigte Entscheidung soeben nochmals hinausgeschoben.

Doch es winken Arbeitsplätze, preiswerte Energie und die Aussicht, Gas, Öl und Kohle zu exportieren. Das sind starke Argumente in einer Situation, in der sich die US-Wirtschaft nur zögerlich vom schlimmsten Einbruch seit der Großen Depression erholt und die öffentliche Hand gelähmt ist durch die Rekordverschuldung von 16 Billionen Dollar.

Keystone XL fällt in die Zuständigkeit des State Department, weil die Pipeline eine auswärtige Grenze passiert. Der neue Außenminister John Kerry genießt bei Umweltschützern Glaubwürdigkeit. Sollte Kerry das Projekt in Abstimmung mit Obama absegnen, würde dies einen weiteren Schub für Fracking bedeuten.

Der Autor ist Korrepondent für "Die Welt" in Washington

Aus Politik und Zeitgeschichte

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