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ORTSTERMIN: BEGRÜSSUNG DER PARLAMENTS-STIPENDIATEN
Götz Hausding
Werden Sie ein Freund Deutschlands

Witzig, selbstironisch und informativ. So in etwa lassen sich die Beiträge der 115 Teilnehmer am Internationalen Parlaments-Stipendium (IPS) im Rahmen ihrer Begrüßung am vergangenen Donnerstag in der Humboldt-Universität (HU) Berlin zusammenfassen. Unter dem Motto: "Nationale Eigenständigkeit und gelebte Internationalität" stellten die Stipendiaten ihre 30 Herkunftsländer vor. Zu erfahren war dabei unter anderem: In Kasachstan und Aserbaidschan tanzen die Frauen ähnlich schön und sind auch ähnlich kostümiert. Weißrussland gibt es gar nicht, denn es heißt Belarus und hat derzeit einen "sehr strengen Coach". Die baltischen Staaten streiten sich dauernd, wessen Sprache denn nun die komplizierteste ist. Die armenische Diaspora ist riesengroß. Und am Siegeszug der französischen Bistros ist die hungrige Ungeduld der Russen schuld, weil deren Soldaten Anfang des 19. Jahrhunderts Paris besetzt hielten und in den Restaurants immer wieder "bystro" riefen, was auf Russisch schnell bedeutet.

Ob dem tatsächlich so ist, sei mal dahingestellt. Stipendiaten, Abgeordnete und die Ehrengäste aus den verschiedenen Botschaften hatten bei den kurzen Vorführungen in jedem Fall ihren Spaß. Dem soll nun aber in den kommenden fünf Praktikums-Monaten auch der parlamentarische Ernst folgen. Bis Ende Juli arbeiten die jungen Akademiker in den Büros der Abgeordneten mit, besuchen Ausschüsse, nehmen an Fraktionssitzungen teil und reisen in die Wahlkreise. "Nutzen Sie die Zeit, um unsere parlamentarische Demokratie kennenzulernen. Seien Sie neugierig und gehen Sie uns mit ihren Fragen auf die Nerven", sagte Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse (SPD) in seiner Begrüßungsansprache. Die Deutschen hätten mit dieser Demokratie ausgezeichnete Erfahrungen gemacht, sagte Thierse. Gerade als jemand, der in der ehemaligen DDR noch Diktatur und Unfreiheit kennengelernt habe, wisse er die Demokratie zu schätzen.

Das IPS nannte der Bundestagsvizepräsident "das schönste und zugleich nachhaltigste Exportgut, das ein nationales Parlament anbieten kann". Profitieren würden aber auch die Abgeordneten, die die Zusammenarbeit mit den Stipendiaten als eine Bereicherung empfänden, sagte Thierse.

Von einer "Win-win-Situation" sprach auch Jan-Hendrik Olbertz, Präsident der Humboldt-Universität Berlin. Für die Stipendiaten gelte dies, da sie das politische System Deutschlands kennenlernen könnten. Doch auch die drei Berliner Universitäten profitierten von der Anwesenheit der jungen Menschen, da sie sich als weltoffene Bildungseinrichtung präsentieren wollten. Olbertz lud die Stipendiaten ein, Veranstaltungen zu besuchen und Kurse zu belegen. "Wir freuen uns auf Sie", sagte er.

Wolfgang Thierse ging schließlich noch auf zwei Besonderheiten des diesjährigen IPS-Jahrgangs ein. So seien zum einem erstmals Stipendiaten aus Ägypten und den palästinensischen Gebieten dabei. Zum anderen eröffne sich für alle Teilnehmer die Chance, hautnah beim Wahlkampf dabei zu sein. Das sei eine "Hochzeit der parlamentarischen Demokratie", schwärmte er.

Für einen anderen Redner bedeutete der Abend einen Abschied. Zum letzten Mal begrüßte Wolfgang Börnsen (CDU), seit langem schon als Vater des IPS geltend, die Stipendiaten. Der Mann aus dem Norden, der für den kommenden Bundestag nicht mehr kandidieren wird, gab sich jedoch nicht rührselig, sondern forderte dazu auf, die Ärmel hochzukrempeln. Schließlich stünden "erlebnisreiche Wochen" vor den Teilnehmern. Eine Motivationsspritze hatte der 70-Jährige auch noch dabei. Botschafter nämlich könne man mit einem erfolgreich absolvierten IPS-Praktikum werden, sagte Börnsen mit Verweis auf die Vertreterin Mazedoniens in Deutschland, Kornelija Utevska-Gligorovska, die einst zu den Stipendiaten gehört hat.

Der Wunsch des Bundestagsvizepräsidenten klang dann etwas bescheidener. "Werden Sie ein dauerhafter Freund Deutschlands", sagte Wolfgang Thierse an die IPS-Teilnehmer gewandt.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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