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Christoph Birnbaum
Lange Leitung

TRASSEN Der Ausbau der "Stromautobahnen" stockt

Eine Momentaufnahme vom anderen Ende der Erde, so hatte es den Anschein, brachte die Energiewende in Deutschland schneller ins Rollen als jahrzehntelange Anti-Atomkraft-Demonstrationen. Unter dem Eindruck des Reaktorunglücks in Fukushima beschloss die Bundesregierung im Sommer 2011 im Rekordtempo den Atomausstieg bis 2022 und die Kehrtwende hin zu erneuerbaren Energien. Nun hapert es an der Umsetzung. Zwar wächst der Anteil des grünen Stroms, aber der Ausbau der Stromnetze hält nicht Schritt.

36 Planungen für den Bau von Höchstspannungsleitungen hält die Bundesregierung für nötig. "Um das Verfahren zur Realisierung der Vorhaben zu beschleunigen, wird weiterhin eine Rechtswegverkürzung herbeigeführt", schreibt die Regierung in ihrem Entwurf eines "Zweiten Gesetzes über Maßnahmen zur Beschleunigung des Netzausbaus Elektrizitätsnetze" (17/12638), über den die Abgeordneten vergangene Woche in erster Lesung berieten.

Mit dem "Netzausbaubeschleunigungsgesetz Übertragungsnetz" (NABEG), das bereits vom Bundestag beschlossen wurde, wurde dabei die Planungskompetenz an die Bundesnetzagentur in Bonn übertragen. Ähnlich des Eisenbahn-Bundesamtes soll der Ausbau so zentralisiert und damit vereinfacht werden. Rund 240 zusätzliche Beamte wurden für diese Aufgabe eingestellt.

Die vier "Stromautobahn"-Betreiber Tennet, Amprion, 50Hertz und TransnetBW speisen zur Zeit den Großteil des Stroms in das bestehende deutsche Stromnetz ein und verteilen ihn anschließend über lange Distanzen. Hinzu kommen bundesweit 869 Verteilnetzbetreiber, darunter viele Stadtwerke, die den Strom vor Ort zum Verbraucher bringen. Der Bundesbedarfsplan ist künftig die Voraussetzung für die Durchführung von verkürzten Planungs- und Genehmigungsverfahren mit vorgeschalteter Bürgerbeteiligung - ein Verfahren, das manche Juristen wegen geringerer Anwohnerrechte kritisch sehen.

Die Grobplanungen für vier neue, verstärkte Gleichstromtrassen sehen dabei wie folgt aus: Von Emden (Niedersachsen) nach Osterath in Nordrhein-Westfalen und von dort nach Philippsburg in Baden-Württemberg. Eine weitere Trasse ist von Wehrendorf (Niedersachsen) nach Urberach (Hessen) geplant. Zudem soll eine "Stromautobahn" von Schleswig-Holstein nach Baden-Württemberg und Bayern führen. Die vierte große Gleichstromtrasse soll vom ostdeutschen Lauchstädt (Sachsen-Anhalt) nach Meitingen (Bayern) verlaufen. Fix sind bisher nur die Start- und Zielpunkte, diese werden nach technischen Begebenheiten, wie großen Umspannwerken ausgewählt. Der genaue Trassenverlauf soll nach den Bürgerkonsultationen festgelegt werden. Insgesamt müssen rund 2.800 Kilometer Stromleitungen neu verlegt, 2.900 Kilometer bestehende Leitungen müssen "verstärkt" werden.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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