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Jörg Biallas
Das Ziel vor Augen

VON JÖRG BIALLAS

Wenn sich alle einig sind, dass es erstrebenswert ist, ein Ziel zu erreichen, heißt das noch lange nicht, dass dieses Ziel gemeinsam und effektiv angegangen wird. So verhält es sich auch mit jenem politischen Projekt, das nüchtern, fast lapidar als Energiewende bezeichnet wird. Das klingt, als ginge es um das beiläufige Umlegen eines Elektro-Kippschalters. Tatsächlich verbirgt sich dahinter eine der größten Herausforderungen der Industriegeschichte. Es gilt, den Strom als Treibstoff für den Motor einer führenden Nation der Weltwirtschaft in absehbarer Zeit nicht mehr atomar zu erzeugen.

Technisch ist das möglich, langfristig. Emotional offenbar nicht, jedenfalls nicht kurzfristig. Zu groß sind derzeit noch die Interessenskonflikte. Stromkonzerne beklagen nicht verschmerzbare Einnahmeverluste, Anbieter erneuerbarer Energiequellen erfreuen sich tüchtiger Subventionen. Netzbetreiber fordern einen baldigen Ausbau des oberirdischen Leitungssystems, Anlieger befürchten gesundheitlichen Schaden durch Elektrosmog. Einige Großabnehmer beanspruchen Entlastung von gestiegenen Kosten für alternativen Strom, private Endverbraucher werden wie selbstverständlich zu einem größeren Beitrag verpflichtet.

Kurzum: Die Energiewende ist ein Pakt gegensätzlicher Interessen, bei dem die bestechende Sympathie für das Endziel die Probleme der Umsetzung nur notdürftig verschleiert.

Und doch gibt es kein Zurück. Darum ist es richtig, wenn die Bundesregierung jetzt ankündigt, die beteiligten Instanzen näher zusammenrücken lassen und damit die Kräfte bündeln zu wollen. Nur wenn es gelingt, der Energiewende bald mehr Effizienz einzuhauchen, wird ihr Ansehen nicht noch mehr leiden.

Ohnehin hat der Verbraucher längst gelernt: Er wird es sein, der den Umbruch finanziert. Im Gegenzug darf dann beispielsweise mit Fug und Recht erwartet werden, dass die Förderpolitik für alternative Energiequellen überdacht und neu justiert wird.

Die anstehende und nicht ganz freiwillig herbeigeführte Überprüfung der Regelungen für die Netzentgelte ist da ein guter Anfang, um politische Glaubwürdigkeit zu stärken. Dann könnte, was heute mitunter illusorisch zu sein scheint, eines Tages zum Wohle der nachwachsenden Generationen das gemeinsame Ziel erreicht sein: der endgültige Ausstieg aus der Kernenergie.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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