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Eric Chauvistré
Generation Afghanistan

BUNDESWEHR Nichts hat die Neuausrichtung der Truppe so geprägt wie der Isaf-Einsatz. Ein Besuch vor Ort in Kundus so geprägt wie ihre zehn Jahre in Kundus. Ein Besuch vor Ort

Christian Schlotterhose und Andreas Heine starben beim Verladen alter Munition aus afghanischen Beständen. Das war im Juni 2005, zu einer Zeit als Kundus für die deutsche Öffentlichkeit noch ein unbekannter Ort war. Ihre Namen finden sich in Kundus nicht nur am Ehrenmal für die hier zu Tod gekommenen deutschen Soldaten. Es gibt auch ein "Oberfeldwebel Schlotterhose Haus" und ein "Hauptfeldwebel Heine Haus". Gemeinsam bilden sie das Stabsgebäude, mit den Büros und dem militärischen Lagezentrum. Eingesetzt waren die beiden Unteroffiziere im Rahmen der "Entwaffnung und Demobilisierung". Durch die "Schaffung von Arbeitsplätzen" sollte , so heißt es in einem Glasrahmen neben dem Eingang, "die Reintegration ehemaliger Kämpfer in die afghanische Gesellschaft unterstützt und gefördert werden".

Geänderter Auftrag

Heute wird in den nach Schlotterhose und Heine benannten Gebäuden in Kundus das Gegenteil von dem organisiert, was den beiden Unteroffizieren das Leben kostete. Statt bei der Abrüstung zu helfen, ist heute das vorgegebene Ziel der Bundeswehr, die Afghanen beim Aufbau einer Armee zu unterstützen. Statt um Demobilisierung geht es heute um die Mobilisierung militärischer Kräfte. Statt um die Reintegration ehemaliger Kämpfer, geht es heute um die Ausbildung zu Kämpfern. Mit dem Aufbau der afghanischen Armee, so der Gedanke, soll nach dem offiziellen Ende des Nato-geführten Isaf-Einsatzes im Dezember 2014 eine starke Zentralregierung in der Lage sein, das Land militärisch zu kontrollieren.

Seitdem zwei Tage vor dem Heiligabend des Jahres 2001 der Bundestag erstmals die deutsche Beteiligung deutscher Soldaten an der "Internationalen Sicherheitsunterstützungstruppe" genehmigte, hat sich der Einsatz der Bundeswehr mehrfach fundamental verändert. Was mit 1.200 Soldaten und einem eng begrenzten Auftrag in Kabul begann, wurde bald zu einem regelrechten Kampfeinsatz mit zeitweise 4.900 Soldaten im Norden Afghanistans. Dem einzelnen Beteiligten fällt dies kaum auf. Viele der Soldaten, die am Anfang des Einsatzes dabei waren, dienen längst nicht mehr in der Bundeswehr. Und viele der in Kundus für vier oder sechs Monate eingesetzten Soldaten gingen noch in die Grundschule, als die Isaf-Mission begann. Fragt man sie nach ihrer Erinnerung an den 11. September 2001, müssen sie passen. Für die Generation Afghanistan ist die neuausgerichtete Bundeswehr eine Selbstverständlichkeit.

Verändert hat sich aber nicht nur das Einsatzland Afghanistan und die Region Kundus, in die die Bundeswehr 2003 vor allem deshalb geschickt wurde, weil die Region als relativ ruhig galt. Verändert hat sich vor allem die Bundeswehr selbst. In Afghanistan hat die Neuausrichtung längst stattgefunden.

"20 Jahre Feldpost im Auslandseinsatz 1992 - 2012". Ein gelbes Transparent schmückt die Außenwand des grauen Funktionscontainers. Der Innenraum hat den Charme eines Postschalters aus den 1980er Jahren, als die Deutsche Post noch Deutsche Bundespost hieß - und die Bundeswehr sich noch auf den Ansturm sowjetischer Panzertruppen durch das "Fulda Gap" vorbereitete. Die Briefmarken kauft man bei einem Mitarbeiter der Deutschen Post, der als Reservist für ein paar Monate den hellbeigen Flecktarn trägt. Am Ende des Resopaltresens liegen Stapel mit kostenlosen Postkarten für die Grüße in die Heimat. Eine Karte zeigt eine Fahrzeugkolonne aus offenen, ungepanzerten Geländewagen mit wehender Deutschlandfahne an der Funkantenne. Die Aufnahme ist erst wenige Jahre alt. Und doch scheint sie aus einer längst vergangenen Zeit zu stammen. Die damals genutzten, ungeschützten Mercedes-Geländewagen verstauben heute irgendwo im Camp.

Auch in offensichtlich ungefährlichen Gegenden bewegen sich die deutschen Soldaten im Frühjahr 2013 nur mit Schutzweste, Helm, Gehörschutz, Schutzbrille in gepanzerten Fahrzeugen. Wenn möglich sucht eine Aufklärungsdrohne zuvor die Strecke nach verdächtigen Bewegungen oder Veränderungen im Straßenbelag ab. Bei riskanter erscheinenden Einsätzen sind Hubschrauber in der Nähe oder halten sich Kampfjets bereit. Die Neuausrichtung der Bundeswehr, hier in Kundus kann man sie an der Gewichtsmasse der Fahrzeuge festmachen. Selbst wenn es nur gilt, zwei oder drei Verbindungsoffiziere zu einem Termin in ein nahe gelegenes Dorf oder afghanisches Armeelager zu bringen, rollt meist eine Fahrzeugkolonne mit einem Gesamtgewicht von gut hundert Tonnen aus dem Lager.

Die Ausfahrt aus dem abgeschotteten Camp in Kundus führt über hohe Bodenschwellen und durch eine enge Gasse - gebaut aus hoch aufgestapelten, mit Schotter gefüllten Gitterkörben. Fast verdeckt durch die hohen Splitterschutzwände und Barrieren ist noch das Schild "Provincial Reconstruction Team" erkennbar. Es zeugt von den heute naiv anmutenden Anfängen des Camps. Das "Wiederaufbauteam", so hieß es bei der Gründung vor zehn Jahren, sollte eine Basis für zivile Entwicklungsprojekte bilden, geschützt durch Soldaten. Im Jahr 2013 ist davon nur das Kürzel PRT geblieben, deren ursprüngliche Bedeutung die meisten der hier stationierten Soldaten nicht kennen.

Das Camp bei Kundus ist zu einer kleinen Stadt geworden - mit festen Gebäuden und Straßen, Geschäften, einer privaten Pizzeria und einem eigenen Kraftwerk zur Stromversorgung. Wer an der inneren Begrenzungsmauer des Lagers entlangjoggt, kommt pro Runde auf fünf Kilometer. Mehr als tausend Soldaten leben hier, neben Deutschen vor allem Niederländer und Belgier. Zur Sicherung schwebt hoch über dem Lager ein von der US-Rüstungsfirma Lockheed Martin betriebener Zeppelin mit sensiblen Sensoren. Die Bundeswehr hat sich hier fest eingerichtet. Sie könnte wohl gut ein weiteres Jahrzehnt in Kundus durchhalten.

Im Krieg

Mit einem Konvoi aus gepanzerten Fahrzeugen geht es auf eine Straße südlich von Kundus. Nach zwanzig Minuten biegt die Kolonne nach rechts ab. Auf kleinen Straßen geht es weiter, an den saftig-grünen Feldern des Kundus-Flusses entlang bis hin zu einer Brücke, der man ansieht, dass sie noch nicht lange genutzt wird. Die Brücke ist ein deutsches Projekt. An dieser Stelle steckten im September 2009 zwei von Aufständischen entführte Tanklastwagen auf einer Sandbank fest, die versucht hatten, durch den Fluss zu fahren. Der deutsche Oberst Georg Klein ließ die Tanklastwagen aus Angst vor einem Anschlag von US-Kampfflugzeugen bombardieren. Mehr als hundert Afghanen, die zum Teil aus den umliegenden Dörfern angelaufen waren, kamen ums Leben.

Die Straße führt weiter in den Norden, vorbei an dem Dorf Isa Kehl. Hier starben am Karfreitag 2010 drei deutsche Soldaten. Nachdem sie aus Gehöften beschossen worden waren und sich stundenlange Gefechte geliefert hatten, fuhr ein Bundeswehr-Fahrzeug auf eine ferngezündete selbstgebaute Sprengfalle.

Auch zuvor hatte es schon Tote unter den Soldaten gegeben. Neu war, dass ihre Gegner sich nun offenbar so stark fühlten, dass sie den offenen Kampf suchten. Deutsche Soldaten in tödlichen Gefechten, ein von einem deutschen Offizier beorderter Luftangriff: Die Öffentlichkeit war ihrer Illusionen vom freundlichen Hilfseinsatz in Afghanistan beraubt. Und im politischen Berlin passte man mit Begriffen wie "kriegsähnliche Verhältnisse" die Sprache der Lage an. Die Bundeswehr war endgültig im Krieg angekommen und zu einer kämpfenden Truppe geworden. Weiter kann die Neuausrichtung nicht gehen.

Große Gefechte wie vor drei Jahren gibt es bei Kundus nicht mehr. Doch auch heute bewegt sich kein Soldat außerhalb des Camps, ohne dass ein Konvoi aus sieben oder acht gepanzerten und schwer bewaffneten Fahrzeugen vom Typ "Dingo", "Fuchs" oder "Eagle" ausrückt. Denn Sprengfallen werden weiterhin verlegt. Und schon eine akute Warnung vor einem Selbstmordanschlag schränkt die Bewegungsfreiheit der Truppe ein.

Abzug

Nach zehn Jahren will die Bundeswehr in diesem Jahr Kundus verlassen. Hunderte Container und Fahrzeuge werden auf die noch größere Basis in Masar-i-Scharif gebracht, von dort aus über die Türkei nach Deutschland transportiert. Die ersten Konvois sind schon quer durch den Norden Afghanistans unterwegs. Im Oktober soll das Camp geräumt sein. Auch das Mahnmal für die gestorbenen Soldaten wird dann abgebaut und in Einzelteilen nach Deutschland geflogen.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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