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Aschot Manutscharjan
Kurz notiert

Drei Jahre nach Beginn der Aufstände in den arabischen Staaten präsentieren deutsche Orientalisten eine erste fundierte wissenschaftliche Analyse der "Arabellions". Der Sammelband präsentiert detaillierte Beschreibungen der Ursachen und des Verlaufs der sozialpolitischen Proteste und Aufstände. Zu den interessantesten Artikeln des Bandes gehören die Darstellungen der Bürgerkriege in Libyen und in Syrien sowie die Politik Irans in der arabischen Welt.

Zu Recht weisen die Autoren darauf hin, dass die Anfänge des "Arabischen Frühlings" konkret benannt werden können. Dagegen sei der Ausgang ungewiss, insbesondere hinsichtlich der politischen Konsequenzen. In Ägypten sei auf die "anfängliche Euphorie angesichts der restauratorischen Kräfte des Militärs bald Ernüchterung" gefolgt. Auch in anderen Staaten habe die Arabellion zu einem Erstarken des politischen Islams und der Islamisten geführt. Dabei registrieren die Autoren sehr wohl die Unterschiede zwischen den einzelnen islamistischen Kräften: Jene, die einen Regierungsauftrag erhalten haben, handelten in der Regel "real-politischer" und pragmatischer als vorher angekündigt.

Obwohl der "Arabische Frühling" ein rein regionales Phänomen sei, fänden sich darin klassische Elemente des sozialen Protestes, gegen Arbeitslosigkeit, Verarmung großer Teile der Bevölkerung, fehlende Menschenrechte und grassierende Korruption. "Möglicherweise" sei die arabische Mittelschicht nicht so sehr an einem radikalen Systemwandel interessiert, mutmaßen die Autoren und erinnern an deren Zurückhaltung in Ägypten und in Syrien. Schließlich hätten die Bürgerkriege funktionierende staatliche Strukturen zerstört.

Das Fazit der Orientalisten über die "Arabellions" fällt insgesamt ernüchternd aus: Die Region sei noch sehr weit von einer demokratischen Transition entfernt. Für einen echten Systemwechsel sei mehr nötig als der Sturz eines Diktators, betonen die Herausgeberinnen Annette Jünemann und Anja Zorob.

Annette Jünemann, Anja Zorob (Hg):

Arabellions. Zur Vielfalt von Protest und Revolte im Nahen Osten und Nordafrika.

Springer VS, Wiesbaden 2013; 337 S., 34,99 €

Aus Politik und Zeitgeschichte

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