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Alexander Weinlein
Kurz notiert

Es ist ein eher ernüchterndes Fazit, das der deutsche Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk zieht: Der 17. Juni 1953 habe für die meisten Deutschen "nicht nur überhaupt keine Bedeutung". Nach der Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten habe er selbst noch die formale Bedeutung als ehemaliger Feiertag in der Bundesrepublik verloren. Weder in Ost- noch in Westdeutschland habe es gegen diese Entscheidung Proteste gegegeben. Dies zeige ein auf den Staat orientiertes Geschichtsbewusstsein. Der 3. Oktober als Tag der Einheit stehe für staatliches Handeln. "Die Geschichte der Macht wird häufig genug mit Geschichte überhaupt verwechselt", stellt er in seinem schmalen Band über den 17. Juni 1953 fest.

Kowalczuk zeigt in seiner detaillierten und lebendig geschriebenen Darstellung, dass der Volksaufstand in der DDR zu den "wenigen revolutionären Massenbewegungen in der deutschen Geschichte" zählt. Etwa eine Million Menschen beteiligten sich in über 700 Orten der DDR. Und im Gegensatz zu den Revolutionen von 1848 und 1918/19 habe der 17. Juni 1953 mit dem Mauerfall von 1989 eine "unverhoffte Vollendung" gefunden.

Der Historiker plädiert deshalb für eine Verankerung des 17. Juni in der europäischen Erinnerungskultur. Der Volksaufstand stehe als revolutionäre Bewegung für einen demokratischen Verfassungsstaat, er habe in einer Diktatur Grenzen zu überwinden beabsichtigt und er erlebte in vielen Staaten vergleichbare Pendants. Zudem könne er als Beleg dafür gewertet werden, dass es sich "immer und überall lohnt, die Würde des Einzelnen zu verteidigen". Und er habe vor dem Hintergrund der Wendejahre 1989/90 eine besondere "Suggestionskraft" entwickelt. Insofern stehe der 17. Juni auch für das neue Europa, das solche Erzählungen und Mythen dringend benötige.

Kowalczuk hat anlässlich des 60. Jahrestages nicht nur eine lesenswerte historische Abhandlung vorlegt, sondern eine überfällige Ehrenrettung für einen fast vergessenen Feiertag.

Ilko-Sascha Kowalczuk:

17. Juni 1953

Verlag C.H. Beck, München 2013; 128 S., 8,95 €

Aus Politik und Zeitgeschichte

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