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Michael Glos
Gerne blicke ich zurück. Politik war mein Leben

VON MICHAEL GLOS (CSU)

Als jüngster CSU-Abgeordneter kam Michael Glos 1976 in den Bundestag. Er war damals 31. Heute ist er 69 und kann auf eine lange Historie als Parlamentarier zurückblicken. Zwölf Jahre war der gelernte Müllermeister Vorsitzender der CSU- Landesgruppe und stellvertretender Fraktionsvorsitzender der CDU/CSU-Fraktion. Ab 2005 war er zudem Bundeswirtschaftsminister, bis er 2009 von diesem Amt zurücktrat. Nun geht Glos in den Ruhestand. In "Das Parlament" schreibt er über seine Erfahrungen als Bundestagsabgeordneter.

"In den nächsten Tagen geht für mich ein wichtiger Lebensabschnitt zu Ende: Nachdem ich seit 1976 zehn Mal direkt gewählt wurde, werde ich dem nächsten Deutschen Bundestag nicht mehr angehören. Gerne blicke ich auf die vergangenen Jahrzehnte zurück. Die Politik war mein Leben.

An mache Stunde im ,Hohen Hause´ erinnere ich mich besonders. Etwa an meine erste Rede im Plenum, als ich über die Notwendigkeit von Kindern für unsere Gesellschaft sprach, Herbert Wehner dazwischenrief ,Dann gehen Sie doch nach Hause und holen Ihre Frau!´, und ich antworten konnte: ,Sie sitzt bereits auf der Besuchertribüne, Herr Kollege Wehner.´ Großes Gelächter im Saal! Überhaupt habe ich mir mit Herbert Wehner manches Rededuell im Plenum geliefert und er hat sogar einen seiner Ordnungsrufe vom damaligen Bundestagspräsidenten Karl Carstens (CDU) bekommen, als er die Tatsache, dass ich mit Zwischenfragen die damalige Bundesfamilienministerin Antje Huber (SPD) aus dem Konzept gebracht habe, mit dem Zwischenruf ,Jetzt hat dieser Lümmel eine ganze Rede kaputt gemacht!´ quittierte. Der ,Lümmel´ war unparlamentarisch. Überhaupt wurde früher offener und intensiver im Plenum debattiert, damit war auch der Unterhaltungswert für die Bürger und Wähler höher.

Als ganz besonderen Moment habe ich den 9. November 1989 im Plenarsaal in Bonn erlebt. Wir waren mitten in einer Bundestagsdebatte - es ging um das ,Vereinsförderungsgesetz´ -, als die ersten Tickermeldungen kamen, wonach die Mauer in Berlin geöffnet worden sei. Ich habe dann aber rasch dafür gesorgt (es gab tatsächlich Kollegen, die erst fertig über das ,Vereinsförderungsgesetz´ debattieren wollten), dass die Bundestagssitzung unterbrochen wurde und wir unsere Nationalhymne gesungen haben: ,Einigkeit und Recht und Freiheit für das deutsche Vaterland.´

Noch an diesem Abend habe ich auch einen der letzten freien Plätze für einen Flug nach Berlin am nächsten Tag gebucht. Denn ich wollte vor Ort sein und die Freunde unserer vorher durch Mauer und Stacheldraht getrennten Mitbürger selbst erleben, eigene Eindrücke sammeln, selbst mit den Menschen sprechen. Es war dann sehr bewegend. Viele Bürger aus Ost wie West konnten noch gar nicht richtig glauben, was gerade passiert war. Mittlerweile ist es für meine Enkel schon wieder unvorstellbar, dass wir einmal ein geteiltes Land waren - so ändern sich die Zeiten und das ist gut so.

An einem hat sich aber in all den Jahren nichts geändert und das würde ich auch möglichen neuen Kollegen ans Herz legen: Entscheidend und besonders wichtig sind die Menschen im Wahlkreis. Die Anliegen aus meinem Wahlkreis hatten für mich stets Priorität.

Man muss als Abgeordneter zu jedem Zeitpunkt wissen, wem man sein Mandat zu verdanken hat, von wem man gewählt worden ist und wofür. Für die Bürger in der Heimatregion zählt dabei zuerst, dass man sich für die Region einsetzt, dass man bei größeren und kleineren Anliegen hilft.

Die Krönung meiner politischen Laufbahn war für mich ein Traum, der zur Realität geworden ist: Im Deutschen Bundestag im ehemaligen Reichstagsgebäude in Berlin als Bundeswirtschaftsminister auf dem Stuhl von Ludwig Erhard zu sitzen. Die zweite große Koalition mit der SPD zu meiner Ministerzeit war damals ein Segen für Deutschland. Denn wir konnten zur Überwindung der Finanz- und Wirtschaftskrise rasch und mit Zweidrittelmehrheit die richtigen Entscheidungen treffen. Dies war die entscheidende Grundlage für den schnellen Wiederaufschwung in den Jahren danach.

Ich bin stolz darauf, diese Weichen an entscheidender Position mit gestellt zu haben."

Aus Politik und Zeitgeschichte

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