Inhalt

VOR 55 JAHREN ...
Benjamin Stahl
Zu Gast beim Diktator

29. Oktober 1968: Kiesinger besucht Franco

Für viele hatte diese Reise einen faden Beigeschmack: Im Herbst 1968 besuchte Kanzler Kurt Georg Kiesinger (CDU) als erster demokratisch gewählter Regierungschef Europas nach dem Krieg die von Diktaturen beherrschte iberische Halbinsel. Eigentlich, um an der portugiesischen Universität Coimbra die Ehrendoktorwürde verliehen zu bekommen. Dass es am 29. Oktober zu einem Besuch beim spanischen Diktator Francisco Franco kam, wird mit einer "kleinen Kettenreaktion" erklärt: Wenn der Kanzler in Coimbra ist, muss er auch nach Lissabon, so die Logik. Schließlich war Portugal ja Nato-Partner. Und wenn Kiesinger die Region besucht, kann er dann Spanien ignorieren? "Wie von selbst", hieß es in Bonner Regierungskreisen, sei es zu dem Abstecher nach Madrid gekommen.

Francos Interesse an einem Besuch aus Bonn hatte wirtschaftliche Hintergründe: Der "Generalissimo" wollte eine Annäherung Spaniens an die EWG und eine Eindämmung der Flut spanischer Gastarbeiter in die Bundesrepublik. Bei beiden Problemen sagte Kiesinger seine Unterstützung zu, zudem einen Kredit über 500 Millionen D-Mark für den Bau eines Kanals bei Sevilla. Franco hatte unterdessen nicht viel zu bieten. Allenfalls eine Lockerung der Überflugrechte für die deutsche Luftwaffe.

Kiesingers Resümee nach seinem eineinhalbstündigen Aufenthalt im El-Pardo-Palast klang diffus, aber alles andere als kritisch: "Bei Franco hat mich die präzise Analyse und die Klarheit seiner Gedanken beeindruckt."

Aus Politik und Zeitgeschichte

© 2016 Deutscher Bundestag