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ORTSTERMIN: BEIM WISSENSCHAFTLICHEN DIENST DES BUNDESTAGES
Peter Stützle
Ich lasse die eigene Meinung möglichst heraus

Die Weltkarte hinter dem Schreibtisch könnte auch in jedem Abgeordnetenbüro hängen. Wendet man sich aber nach links, sieht man das Periodensystem der Elemente. Ist die freundliche Dame, der man gegenübersteht, Chemikerin? Eine weitere Drehung nach links führt auf die richtige Spur, denn hier hängt ein Porträt Albert Einsteins: Cordula Seeger ist Doktorin der Physik. Dass sie zudem noch IT-Themen bearbeiten kann, macht sie für die Wissenschaftlichen Dienste des Deutschen Bundestages besonders wertvoll. Denn im Gegensatz zur klassischen wissenschaftlichen Arbeit, in der oft ein eng abgesteckter Forschungsbereich bearbeitet wird, umfasst Seegers Arbeit, wie sie erläutert, "ein breites Themenspektrum, in dem man auf dem Laufenden bleiben muss".

Cordula Seeger ist die einzige Physikerin in den Wissenschaftlichen Diensten. Alles, was Abgeordnete und ihre Mitarbeiter und Gremien an Fragen mit physikalischem Hintergrund stellen, landet auf ihrem Schreibtisch. Unter den gut 50 Gutachtern der Wissenschaftlichen Dienste finden sich Akademiker aller möglichen Fachrichtungen, bis hin zur Philosophie und Theologie. Die große Mehrheit allerdings bilden die Juristen, ist doch die Gesetzgebung eine der Hauptaufgaben des Parlaments. Zahlreich sind auch die Politologen. Auch in Seegers Fachbereich, zuständig für Umwelt, Naturschutz, Reaktorsicherheit sowie Bildung und Forschung, gibt es einen. Ihre weiteren Kollegen sind zwei Chemiker in Teilzeit, eine Biologin und ein Diplomingenieur.

Ihre Aufgabe ist, wie Seegers Fachbereichsleiter, Professor Joachim Rickes, formuliert, vor allem "Wissensmanagement". Das heißt, wenn beispielsweise ein Abgeordneter mit einer speziellen Frage zur Atommüll-Endlagerung kommt, recherchiert Seeger den Sachstand in Datenbanken sowie bei Instituten, die sich mit diesem Thema befassen. Bei Fragen mit internationalen Aspekten hilft die EZPWD, ein Netzwerk der wissenschaftlichen Dienste von 50 europäischen und einigen außereuropäischen Parlamenten. Die Ergebnisse fasst sie entweder in einer Übersichtsdarstellung oder einem ausführlichen Gutachten zusammen. Gibt es unterschiedliche Sichtweisen zu dem Thema, stellt sie diese gegenüber, wobei sie, betont Seeger, "die eigene Meinung möglichst herauslässt" oder zumindest deutlich kennzeichnet. Wobei parteipolitische Neutralität ehernes Gesetz der Wissenschaftlichen Dienste ist. Die Abgeordneten sind immer wieder froh, bei den Wissenschaftlichen Diensten eine unabhängige Expertise zu finden und nicht auf die Angaben von Lobbyisten oder der Ministerien, die sie ja kontrollieren sollen, angewiesen zu sein. Das zeigen ihre rund 2.000 Anfragen jährlich. Vor allem um eine gewisse Waffengleichheit mit dem Regierungsapparat herzustellen, hatte der Bundestag Anfang der 1960-er Jahre die Wissenschaftlichen Dienste geschaffen. Manchmal wenden sich Abgeordnete aber auch an Seeger und ihre Kollegen, weil ihnen Bürger im Wahlkreis Fragen gestellt haben, bei denen sie sich nicht auskennen. Solche Fragen, erzählt Seeger, lassen sich oft schon mit einem Telefonat beantworten.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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