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Hans Krump
Die Organisatorin: Petra Sitte

Ja, ich habe Lust auf die neue Aufgabe." Wenn Petra Sitte vor neuen anspruchsvollen Anforderungen steht, geht sie ganz darin auf. Ihre ganze Energie investiert die drahtige, zierliche Frau mit dem markanten Igelschnitt ins Gelingen eines neuen Karriereschritts. Der heißt seit kurzem "Erste Parlamentarische Geschäftsführerin", zu der sie die Linksfraktion als Nachfolgerin von Dagmar Enkelmann gekürt hat. Dieser Job an der Fraktionsspitze ist vor allem harte Organisationsarbeit. Der "1.PGF", wie es in der Berliner Politiksprache heißt, muss kommunikativ sein, den Vermittler ebenso spielen können wie den "Kettenhund".

Petra Sitte gilt eher als vermittelnder Typ. Eine wichtige Eigenschaft für eine Fraktions-Managerin angesichts der vielen Gegensätze in der Linksfraktion. Seit 2005 sitzt die gebürtige Dresdnerin für den Wahlkreis Halle (Saale) im Bundestag, zuvor war sie 15 Jahre im Landtag in Magdeburg, davon 14 Jahre Fraktionschefin. Da lernt man, widerstreitende Interessen auszutarieren und sich auch durchzusetzen. Wie sieht Petra Sitte ihre neue Aufgabe? "Ich will Menschen nicht besiegen, ich will sie gewinnen", sagt sie. Sie wolle "sehr viel reden und vermitteln, um Situationen zu vermeiden, die auf Konflikte zulaufen".

Das tat die 52-Jährige gleich zu Beginn, als sie sich mit den rund 100 Fraktions-Mitarbeitern zusammensetzte. Weil die Fraktion um zwölf auf 64 Abgeordnete geschrumpft ist, müsste auch bei den Mitarbeitern abgebaut werden. Das wollen Sitte, die in der Fraktion auch für Personal und Finanzen zuständig ist, und die ganze Fraktionsspitze vermeiden - durch Arbeitszeitänderungen und Gehaltsverzicht. "Bis Weihnachten soll jeder wissen, wie es mit ihm weitergeht", sagt sie.

Wird Sitte in ihrer neuen Arbeit als Organisatorin nicht die inhaltliche Arbeit vermissen? Acht Jahre war sie als Fraktionsvize forschungs- und technologiepolitische Sprecherin der Linksfraktion. Die promovierte Diplom-Volkswirtin will auch künftig "mit Positionen wahrgenommen werden und nicht nur als Dienstleisterin in der Fraktion". Ihre bisherigen Themen Forschung und Technologie wolle sie weiter im Auge behalten. Hier sieht sie Möglichkeiten, die "Kernkompetenzen" der Linkspartei wie Soziales, Gerechtigkeit oder Frieden zu erweitern, um mehr Akzeptanz zu gewinnen.

All das soll die Partei dem Reformer-Ziel näherbringen, einmal mit SPD und Grünen eine Koalition im Bund zu bilden. Dies strebt auch Sitte an und dafür will sie auch im neuen Job kämpfen - auch wenn sich dies gegen die Fundamentalisten richtet, die das Heil der Linken nur in der Opposition sehen. Sittes Credo vom "Mitgestalten" führte die Linkspartei in Sachsen-Anhalt in das von ihr maßgeblich betriebene "Magdeburger Modell" von 1994 bis 2002, als eine SPD-Minderheitsregierung durch den Linke-Vorgänger PDS toleriert wurde.

Hier könnte Sittes früheres Leben in der DDR eine Rolle spielen und ihre Mitgliedschaft in der "staatstragenden" SED. Dort trat sie 1981 ein. Zur Wendezeit war sie Zweiter Sekretär der FDJ-Kreisleitung an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, wo sie Ökonomie studierte. "Ich wollte allerdings zurück in die akademische Laufbahn", sagt Sitte, die nach der FDJ-Tätigkeit noch eine zweijährige Aspirantur an der Universität durchlief. Sie sei nicht unkritisch zur SED gewesen, sagt Petra Sitte, wenngleich sie damals hinter der DDR als "anderem Gesellschaftsentwurf" zum kapitalistischen Westen stand. Heute reagiere sie sensibel gegen alle Art "undemokratische Strukturen und Einstellungen".

Der sachsen-anhaltinische PDS-Spitzenmann Roland Claus habe sie in der Wendezeit animiert, auch in der SED-Nachfolgepartei PDS zu wirken. Erst damals legte Sitte politisch richtig los. "Ich hatte das Gefühl, meine Hand am Rad der Geschichte ist jetzt wichtig", sagt sie schmunzelnd. Eine Quelle ihres Engagements sei der Opportunismus an ihrer Uni gewesen, wo die Spitzenakademiker, die bis zuletzt den "ewigen Sozialismus" beschworen, massenweise die SED verließen.

Seit 2004 sitzt Petra Sitte auch im Stadtrat von Halle. Dort will sie bleiben: "So weiß ich, was in meinem Wahlkreis passiert und ich habe auch ein Mandat, mich in die Stadtpolitik einzumischen." Um den Politikerstress zu bewältigen, radelt die Links-Politikerin bei jeder Gelegenheit, ob auf einem festgeschweißten Rennrad in ihrer Berliner Wohnung oder bei Touren daheim in Halle. "Ich bin ein motorischer Typ und muss einmal am Tag ins Schwitzen kommen", sagt die frühere Leistungsschwimmerin.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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