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Volker Müller
Die Trauer gilt jedem Einzelnen

VOLKSTRAUERTAG Zentrale Gedenkstunde im Plenarsaal des Reichstagsgebäudes

Der Opfer von Krieg, Terror und Gewalt hat die Bundesrepublik am Volkstrauertag gedacht. In der zentralen Gedenkstunde des Volksbundes Deutscher Kriegsgräberfürsorge am 17. November sprach Bundespräsident Joachim Gauck das Totengedenken; die Gedenkrede hielt der Präsident des Bundesverfassungsgerichts, Andreas Voßkuhle, im Plenarsaal des Berliner Reichstagsgebäudes. Er rief dazu auf, empfindsam und wachsam zu bleiben gegenüber Entwicklungen, die den Frieden unter den Völkern in Europa und der Welt gefährden.

"Wir dürfen deshalb nicht die Augen verschließen, wenn etwa kulturelle und ethnische Minderheiten in einigen Regionen Europas eingeschüchtert werden und in Angst leben müssen. Wir dürfen nicht die Augen davor verschließen, wenn in einigen Regionen Europas die Institutionen, die die Verfassung stützen sollen, unter politischen Druck gestellt werden. Wir dürfen nicht die Augen davor verschließen, wenn bei uns zuhause und in anderen Regionen Europas nationalistische Töne erklingen und totalitäre Ideologien salonfähig gemacht werden sollen", mahnte Voßkuhle.

"Hoher Preis"

Dass mitunter einen hohen Preis zahlen muss, wer sich für ein friedliches Leben in Freiheit und Würde einsetze, erlebe man etwa bei den Bundeswehreinsätzen in Bosnien-Herzegowina, im Kosovo, in Afghanistan und in anderen Konfliktgebieten. Nicht wenige hätten diesen Einsatz für andere mit dem eigenen Leben bezahlt. "An sie denken wir heute ganz besonders, ihnen und ihren Familien und Freunden, die zum Teil heute anwesend sind, gehört unsere Trauer", fügte Voßkuhle hinzu.

Man könne die Toten nicht zurück ins Leben holen, ihnen aber versprechen, "mit aller Kraft zu versuchen, das Leben in Frieden und Freiheit zu schützen", unterstrich der Verfassungsgerichtspräsident. Das sei nur gemeinsam in einem vereinten Europa des gegenseitigen Respekts, der gegenseitigen Zuneigung und der gegenseitigen Solidarität zu schaffen.

Voßkuhle erinnerte zugleich an den 200. Jahrestag der Völkerschlacht bei Leipzig und schlug einen Bogen in die Gegenwart: "Die zerfetzten Leiber nach einem Bombenanschlag in Afghanistan, in Syrien oder im Irak unterscheiden sich eben so wenig von den geschundenen Körpern auf dem Schlachtfeld bei Leipzig wie die Tränen der Angehörigen damals und heute."

Die Trauer gelte jedem Einzelnen, sagte Voßkuhle. Diesen Blick für den Einzelnen zu bewahren, sei bei der Flut an furchtbaren Bildern und aufwühlenden Nachrichten nicht immer einfach: "Aber erst wenn wir diese Berichte auf einzelne Personen und individuelle Schicksale zurückführen, wird ihr Schrecken für uns fassbar."

Voßkuhle berichtete von seinem Vater, der als Wehrmachtsoffizier im Zweiten Weltkrieg die Feldzüge in Frankreich, Polen und Russland mitgemacht und viel von seinen Erlebnissen an der Front, von Not und Verzweiflung, aber auch von ergreifender Menschlichkeit über den Grenzen von Freund und Feind hinweg erzählt habe. "Solche Erzählungen haben mich und meine Generation mit geprägt; wir sind mit ihnen groß geworden." Weil jedoch die Zeitzeugen des Zweiten Weltkrieges immer weniger würden, "brauchen wir Tage wie den Volkstrauertag, an denen wir uns über Generationen hinweg über das Geschehene austauschen, unsere Trauer teilen und uns auf unsere Verantwortung für den Frieden besinnen".

"Gelebte Völkerverständigung"

Voßkuhle würdigte die Tätigkeit des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge, der mit der Anlage und Pflege von mehr als 830 Kriegsgräberstätten in 45 Staaten den "Toten ihren Namen und damit einen Teil ihrer Würde" zurückgebe. Zuletzt sei im Sommer 2013 der Sammelfriedhof für deutsche Soldaten bei Smolensk (Russland) eingeweiht worden, der einmal 70.000 Kriegstoten eine letzte Heimstätte bieten werde.

Beeindruckt zeigte sich Voßkuhle von der Jugendarbeit des Volksbundes: Jedes Jahr träfen sich Tausende junger Leute auf freiwilligen Ferienfreizeiten, um gemeinsam die Soldatengräber zu pflegen und sich dabei gegenseitig mit der Geschichte ihrer Völker zu konfrontieren. Diese Begegnungen seien ein Stück gelebter Völkerverständigung. Wer einmal als junger Mensch über Soldatenfriedhöfe gegangen sei und dort Kreuze wieder aufgerichtet und gesäubert habe, dem würden das Grauen des Krieges und der Wert des Friedens "vielleicht zum ersten Mal richtig bewusst".

Aus Politik und Zeitgeschichte

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