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Alexander Heinrich
Hätte, hätte, Fahrradkette

WAHLKAMPF Nils Minkmar führt ins Innenleben der SPD und ihres Kandidaten im Wahljahr

Diesen Satz nimmt er ihr wirklich übel. "Sie kennen mich", hatte die Bundeskanzlerin beim Fernsehduell der Kandidaten gesagt, um die Zuschauer sodann mit dem Wunsch für einen "schönen Abend" in die Nachtruhe zu schicken. Damit hat Angela Merkel die Entpolitisierung des Wahlkampfs zu weit getrieben, findet Nils Minkmar.

Ein Jahr lang hat der Feuilletonchef der FAZ den SPD-Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück begleitet. Seine Beobachtungen hat er in seinem Buch niedergeschrieben, das den schönen Titel "Der Zirkus" trägt und dem Leser ins "Innerste der Politik" zu führen verspricht. Es ist eine kluge Wahlkampfanalyse geworden, die ohne Häme auskommt und Einblicke in verschiedene Seelenlagen gibt: Die des Kandidaten, seiner Partei und die des Landes im Wahljahr 2013.

Wenn das vergangene Jahr im Zeichen der Wahl etwas über die Befindlichkeiten des Landes aussagen kann, dann scheint da etwas ins Rutschen geraten, das ist der Grundtenor von Minkmars Buch. Noch nie habe sich Debatte derart ins "Symbolische verlagert", habe sich die Aufmerksamkeit auf Nebenthemen, Abseitiges und auf die Pannen eines Kandidaten fokussiert.

Der Artist in der Zirkuskuppel - er scheint zunehmend ratlos. "Eierlikörgate", Putzfrauenaffäre oder "Peerblog": Gefragt wird kaum, was Steinbrück als möglicher Kanzler zu verändern gedenkt, sondern für welche nächste Räuberpistole er taugt. Wie kann es sein, dass der Kandidat mit seinen Botschaften nicht durchdringt, sich im Porzellanladen stets "alles nach Steinbrück umdreht, wenn es irgendwo scheppert"? Wie kann ein sachlich argumentierender Kandidat derart ins Bodenlose fallen, ein Mann, der, wie Minkmar schreibt, die Weichen zu stellen versteht und damit lebenspraktische Erleichterungen für all jene erreichen will, "die durch Verzicht und Sich-Einlassen auf unsichere Verhältnisse den neuen deutschen Aufschwung mittragen"? Und dem das einst durchaus zugetraut wurde?

Minkmar gibt differenzierte Antworten: Da ist etwa eine SPD, die ihren Kandidaten in den Wahlkampf hineinstolpern ließ, nicht böswillig, aber mit der Folge, dass Steinbrück als "erfahrener Admiral" erschien, der "ohne Schiff und Mannschaft im Landesinneren" festsaß. Das Wahlprogramm erscheint dem Autoren wie eine "Vertigo": Hier habe man versucht alles aufzuschreiben, wie zum Beweis, dass man nichts vergessen habe - außer vielleicht, den richtigen Ton für die Wählerschaft anzuschlagen.

Die sitzt ja nicht einfach auf dem Sofa und nimmt übel. Deutschland mag derzeit häufig als kraftstrotzenden Vizeexportweltmeister beschrieben werden, Minkmar jedoch beobachtet eine verunsicherte, auch überforderte Gesellschaft. In diesem Licht sei Angela Merkel als "nationaler Rettungsengel" erschienen, der Entlastung verspricht. Ob ihre Politik das auch einlöst - das steht für Minkmar auf einem ganz anderen Blatt. Mit seiner Kritik am "Weiter so", das der Frage einer gerechteren Kostenverteilung bei der Euro-Rettung ausweiche, hält der Autor nicht hinter dem Berg.

Dass die Sozialdemokraten mit dem Versprechen auf eine Verbesserung der Situation weltweit angetreten waren, hält Minkmar für eine Überforderung des erschöpften Wählers. Solche Botschaften klingen für ihn wie ein Nachhall vergangener Wahlkämpfe - in einer Zeit, in der die Straßen leer gefegt waren, wenn die Leute vom Zirkus ihre Zelte aufbauten. In einem Land, das seine Bundeskanzlerin heute lieber "auf Sicht" steuern lasse, wirkt Steinbrück mit seinem Vertrauen auf Kraft und Klarheit der Argumente wie ein Mann aus einer anderen Zeit, schreibt Minkmar: "Vielleicht einer besseren."

Nils Minkmar:

Der Zirkus. Ein Jahr im Innersten der Politik

S. Fischer Verlag, Frankfurt/M. 2013 220 S. 19,99 €

Aus Politik und Zeitgeschichte

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