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Claudia Heine
Aus Überzeugung

Biografie Das Leben Willy Brandts liest sich tatsächlich wie ein Roman über das vergangene Jahrhundert

Das Wagnis hat sich gelohnt. Zumindest im Moment steht SPD-Chef Sigmar Gabriel als strahlender Sieger dar. Eine deutliche Mehrheit der SPD-Mitglieder hatte Anfang Dezember in einem Mitgliederentscheid für den Koalitionsvertrag mit der Union votiert. Dieser Entscheid war ein Novum in der deutschen Parteiengeschichte - und ein Risiko. Vier Tage vor dem 100. Geburtstag des Übervaters Willy Brandt am 18. Dezember konnte die Partei also aufatmen. Sie hatte sich der Verantwortung, so die eigene Lesart, nicht entzogen. Sie hatte sich also weder der "Lust an der Ohnmacht" ergeben, die Brandt in den politisch-wirren Jahren der Weimarer Republik in seiner SPD erlebte und als "Erbsünde" der Partei verurteilte. Und sie hatte auch ein anderes Vermächtnis Brandts parteiintern umgesetzt. Sie hatte "mehr Demokratie" gewagt - und muss in den kommenden vier Jahren in der Großen Koalition zeigen, ob sich dieses Wagnis auch gelohnt hat.

Wagnisse, persönliche und politische, ist Willy Brandt, der 1969 zum ersten sozialdemokratischen Bundeskanzler der Bundesrepublik gewählt wurde, in seinem 78-jährigen Leben viele eingegangen. Mehr als 30 Bücher über diesen außergewöhnlichen Politiker erschienen allein in diesem Jubiläumsjahr und versuchen ihren eigenen Blick auf diese Wagnisse. Kaum eine Wochenendbeilage großer Zeitungen kommt ohne Zeitzeugen aus, die sich an ihn erinnern. Sogar Talkshow-tauglich erscheint dieser Geburtstag. Es sind Willy-Brandt-Festtage.

Selbstkritischer Autor

Auch Hans-Joachim Noack beteiligt sich daran. Noack, einst Reporter der "Süddeutschen Zeitung" und der "Frankfurter Rundschau", arbeitete lange Jahre für den "Spiegel". Immer im Zentrum der Macht. Zwei Kanzlerbiografien hat er bereits verfasst, über Helmut Schmidt und Helmut Kohl. Nun also: "Willy Brandt. Ein Leben, ein Jahrhundert". Im Klappentext des Buches die Ankündigung: "Hans-Joachim Noack hat Brandts Leben aus nächster Nähe verfolgt. Nun zeichnet er sein Leben nach." Das Versprechen von Einblicken aufgrund einer besonderen Nähe erfüllt sich allerdings nur im ersten Kapitel. Dabei ist dieser Anfang nicht einfach nur eine Aneinanderreihung von Anekdoten, sondern auch eine selbstkritische Rückschau Noacks auf seine eigene Rolle in diesen "wildbewegten frühen Siebzigern". So schreibt er: "Grobe Schnitzer glaube ich mir im Rückblick zwar nicht vorwerfen zu müssen, aber mit welcher Fürsorglichkeit unsereins damals in die Tasten griff, um den ersten sozialdemokratischen Kanzler der Bundesrepublik in möglichst günstigem Licht erscheinen zu lassen, hatte ich weitgehend verdrängt." So etwas liest man aus journalistischer Feder selten und verleiht dem Buch eine eigene Authentizität.

Mit dieser geht Noack dann jedoch nicht hausieren. Und so erwartet den Leser anschließend eine konventionell der Zeitachse folgende Biografie. Mit der jüngeren deutschen Zeitgeschichte vertraute Leser werden hier wenig Überraschendes erfahren. Hat man die Bilder doch alle im Kopf: Willy Brandt 1959 als Regierender Bürgermeister West-Berlins - "Der Tag wird kommen, an dem das Brandenburger Tor nicht mehr an der Grenze steht". Willy Brandt in seiner Regierungserklärung 1969 - "Wir wollen mehr Demokratie wagen. Wir wollen eine Gesellschaft, die mehr Freiheit bietet und mehr Mitverantwortung fordert." Willy Brandts Kniefall in Warschau 1970, sein Scheitern nach der Guillaume-Affäre und sein legendäres "Jetzt wächst zusammen, was zusammen gehört" im November 1989.

Der Kosmopolit

Was man vielleicht am wenigsten im Kopf hat, weil es nicht zum kollektiven Gedächtnis gehört, sind die Jahre, die der Antifaschist Willy Brandt im Exil verbrachte. 1933 floh er 19-jährig nach Norwegen. Von Noack erfährt der Leser nun recht anschaulich und detailliert, wie Brandt seine Zeit ins Skandinavien als Netzwerker der sozialdemokratischen Idee genutzt und sich dabei auch in persönliche Gefahr begeben hat. Das ist mehr, als die meisten seiner Zeitgenossen von sich behaupten können.

Nach dem Krieg kehrt er wieder zurück - als kosmopolitisch, immer über den eigenen Horizont hinausdenkender Mensch. Und als machtbewusster Politiker, dem es nicht mehr reicht, in der zweiten Reihe zu agieren. "Begreife, dass ich Macht will", lautet folglich auch eine Kapitelüberschrift.

Diese Wege zur Macht und von ihr weg, seine als Kanzler auf der einen Seite visionäre Friedenspolitik und seinen auf der anderen Seite am innenpolitischen "Klein-Klein" wenig interessierten Regierungsstil - all das beschreibt Noack distanziert und emphatisch zugleich, ohne jedoch in die "Fürsorglichkeit" früherer Jahre abzudriften. Ganz journalistischer Profi versteht er es, den Leser an dieses Stück Zeitgeschichte zu fesseln, auch wenn der die Fakten eigentlich schon kennt. Willy Brandt hat für seine politischen Überzeugungen gekämpft - trotz des eisigen Gegenwindes, der ihm dabei von unterschiedlichen Seiten entgegenschlug. Auch dies sollte ein Vermächtnis Brandts an die politischen Akteure von heute (nicht nur in der SPD) sein.

Hans-Joachim Noack:

Willy Brandt. Ein Leben, ein Jahrhundert

Rowohlt, Berlin 2013 352 S. 19,95 €

Aus Politik und Zeitgeschichte

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