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Hans-Jürgen Leersch
Hineingeschlittert

Erster Weltkrieg Clark bewertet die Schuldfrage neu

Der 100. Jahrestag des Beginns des Ersten Weltkriegs hat eine alte Diskussion wieder aufflammen lassen, die längst beendet schien. Trug das Deutsche Reich die Schuld am Ausbruch des Krieges, gab es Mitschuldige oder war es so, wie der britische Premierminister Lloyd George sagte, dass 1914 "die Völker in den Weltkrieg hineingeschlittert"waren? Weitgehender Konsens in Literatur und Gesellschaft war zuletzt die These von einer deutschen Haupt- oder gar Alleinschuld. Der australische Historiker Christopher Clark schließt sich in seinem neuen Buch "Die Schlafwandler - Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog" der Auffassung von Lloyd George an. Alle Großmächte seien 1914 am Kriegsausbruch beteilgt gewesen und die Frage nach der Kriegsschuld sinnlos.

Blick auf den Balkan

Clark hat in einer Fleißarbeit viel historisches Material zusammengestellt und eine umfassende Darstellung aus den wichtigsten Hauptstädten Europas über die Zeit vor dem Kriegsbeginn vorgelegt. Vor allem blickt er auf den Balkan und die konfuse Welt der Nationalismen, die sich dort nach dem Rückzug der Osmanen bildete. Dort sei die Lunte für den Ersten Weltkrieg gelegt worden, dies werde oft zu schnell übergangen, meint der Autor. Manche Schlüsse, die Clark zieht, sind jedoch fragwürdig. "Es ist merkwürdig, dass Clark zwar aus dem Tagebuch Kurt Riezlers, des Legationsrats im Auswärtigen Amt und engen Vertrauten des Reichskanzlers Theobald von Bethmann Hollweg, zitiert, die dort verzeichnete entscheidende Äußerung des Kanzlers am Abend des 6. Juli, die seiner Interpretation entgegensteht, aber unter den Tisch fallen lässt: ‚Eine Aktion gegen Serbien kann zum Weltkrieg führen.' Das heißt, Bethmann Hollweg war sich sehr wohl bewusst, welch hochgefährlichen Kurs er eingeschlagen hatte", schreibt beispielsweise Volker Ullrich in der "Zeit".

Damit wird eine Schwäche des Buches, eine fast liebevolle Verehrung des Kaisers, deutlich. Der am liebsten mit Waffen klirrende Kaiser Wilhelm II. zwang Europa schon lange vor dem Ersten Weltkrieg vor allem mit seiner Flottenpolitik in einen Rüstungswettlauf. Hatte Bismarck noch versucht, das Deutsche Reich nach allen Seiten durch Verträge abzusichern, setzte Wilhelm auf Stärke und vor allem auf starke Worte. Mit Auftritten wie der berüchtigten "Hunnenrede" von 1900 ("Gefangene werden nicht gemacht") konnte man schon lange ahnen, wohin die Reise gehen würde: in den nächsten europäischen Krieg. Wilhelm II. jedenfalls war kein Schlafwandler.

Christopher Clark:

Die Schlafwandler.

Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog

Deutsche Verlags-Anstalt, München 2013; 896 S., 39,99 €

Aus Politik und Zeitgeschichte

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