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Jan Rübel
Der Widerborst: Klaus Barthel

Wie er hinter den sieben Papierstapeln auf seinem Schreibtisch hervorlugt, müde nach Worten sucht und den Blick meist ins Irgendwo wandern lässt, sieht er nicht aus wie einer, der Sätze scharf wie Rasierklingen spricht. Doch dann huscht ein spitzbübisches Lächeln entlang seiner tiefen Furchen um die Mundwinkel, und in zwei Atemzügen fertigt er mal kurz den Bundespräsidenten und die Bundesverteidigungsministerin ab. "Die Äußerungen Joachim Gaucks enthalten eine völlig kurzschlüssige Botschaft, wenn sie Verantwortung mit militärischem Engagement gleichsetzen." Und Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU)? "Die macht sich nicht die Mühe, eine zivile Perspektive einzunehmen. Vermutlich hat sie dazu keine Zeit."

Es ist Mittwochmittag, eigentlich steht der Jahreswirtschaftsbericht der Bundesregierung an, und Barthel - stellvertretender Vorsitzender des Wirtschaftsausschusses - muss sich durch einen Aktenberg fräsen. Doch dann ist da morgen mal wieder Afghanistan: Das Parlament diskutiert den Einsatz der Bundeswehr, und Barthel gibt sich widerborstig. "Ich werde wie früher gegen eine Verlängerung des Mandats stimmen. Das militärische Engagement war von Anfang an ein Fehler." Barthel ist in der SPD ein Linker. Gern spricht er wie Gauck über Verantwortung. Aber bei der kommt für ihn militärische Aktion stets als letzte aller Optionen. "Der Bundespräsident hätte ja mal darlegen können, wie er Verantwortung mit militärischem Eingreifen verbindet. Aber dazu sagt er bisher nichts." Verantwortung bedeute für ihn, die Situation und Strukturen eines Landes und der Region zu begreifen. Heißt: Bevor er über Bundeswehrsoldaten in Afrika diskutiert, will der 58-Jährige erörtern, warum die EU den Kontinent mit subventionierten Agrargütern überschwemmt und dessen Entwicklung hemmt, dass Riesenkutter aus Europa afrikanische Gewässer leer fischen und der von den Industrieländern stark geprägte Klimawandel in Afrika besonders wütet.

Und nein, SPD-Fraktionschef Klaus Oppermann hat noch nicht an seine Tür geklopft, um ihn auf Linie zu bringen. Barthel ist indes einer, der häufig gegen den Strich bürstet. Auf Eigenständigkeit pocht. Typisch bayerisch? Wieder ein Grinsen. "Es kann schon sein, dass wir oft unseren eigenen Weg gehen." Auf seiner Webseite umschreibt Barthel sein Anliegen, "für das Oberland und Oberbayern eine gute Politik zu machen". "Der Freistaat war eine linke Idee gewesen", verweist Barthel auf eine Tradition in Bayern, die vergessen scheint, auf Widerstandsbewegungen für Freiheit und soziale Gerechtigkeit. "Die CSU versteht es genial, uns diese Tradition wegzunehmen und auf ihre Mühlen zu lenken." Und nun ist er in Fahrt. "Wir haben uns zu wenig gewehrt." Wer, schiebt er schmallippig hinterher, habe von der Leyen wegen ihres Vorstoßes für mehr Auslandseinsätze der Bundeswehr kritisiert? "Der Peter Gauweiler von der CSU war das!" Jetzt ärgert er sich, schaltet den Fernseher aus, der halbstumm lief.

Das Ärgern hat er von früher. Der Bub einer arbeitslosen Lehrerin ("weil sie nicht aus Bayern kam") und eines Historikers, der als freier Journalist für kleinere Blätter schrieb, wuchs er in einem sozialdemokratischen, "sehr geordneten" Arbeitermilieu auf, in Moosach, einer Mietskaserne, gerade 52 Quadratmeter für die vierköpfige Familie. Als einer der wenigen seines Kiezes schaffte er es aufs Gymnasium - und stieß sich am Elitedenken und an der Auslese. "Anfangs waren wir 45 Schüler in einer Klasse. Am Ende machten 17 von denen Abitur." Er fing an, sich für Bildung zu interessieren, und dafür, wie man sie besser macht. Klaus Barthel studierte Politik, Soziologie und Geschichte, kam über seine Studentenjobs auf der Baustelle, als Hilfshausmeister und Briefzusteller zur Gewerkschaft - wurde dort Sekretär. Dass er mal Bundestagsabgeordneter wird, davon habe er nicht geträumt, "meine Kandidatur sollte in der konservativen Trachten-SPD ein Gegensignal setzen". 1994 rutschte er dann überraschend hinein, "der Landeswahlleiter überrumpelte mich damit am nächsten Mittag". Und dann blieb er.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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