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Aschot Manutscharjan
Kurz notiert

Das Buch zum Abzug ist da: Klaus Naumann, Historiker am Hamburger Institut für Sozialforschung, hat eine kluge Analyse des Bundeswehr-Einsatzes am Hindukusch vorgelegt. Und es ist eine politikwissenschaftliche Abrechnung, die er den Akteuren in Berlin präsentiert. Zunächst beschleicht den Leser das Gefühl, der Autor wolle mit seiner Schwarzmalerei den Afghanistan-Einsatz grundsätzlich verdammen und in seinem Eifer das politische Umfeld sowie die damalige sicherheitspolitische Lage in der Region völlig ausblenden. Kämpft sich der Leser jedoch durch den schwer lesbaren Text, so stellt er fest, dass die Lektüre dieser Streitschrift alle Mühen wert war.

Naumann gibt sich nicht mit der üblichen Kritik am Afghanistan-Einsatz zufrieden, wie sie in den letzten Jahren in den Medien vorgetragen wurde. Vielmehr will er gangbare Lösungswege aus der Krise aufzeigen, indem er der Politik praktikable Handlungsempfehlungen gibt. Zur Wahrnehmung seiner sicherheitspolitischen Interessen brauche Deutschland ein ständig tagendes Gremium, das so schwerwiegende Maßnahmen wie die Entscheidung über einen Auslandseinsatz argumentativ vorbereite, meint der Militärhistoriker. Dieses Gremium müsse im Kanzleramt angesiedelt werden und Befugnisse des Bundessicherheitsrates, des Krisenzentrums des Auswärtigen Amtes, des Ressortkreises Krisenprävention und des Einsatzführungskommandos der Bundeswehr zusammenführen. Zudem soll es nach Naumann nicht nur strategische Leitkonzepte entwickeln, sondern auch die Planungen der Ministerien koordinieren und zurückliegende Missionen evaluieren. Gleichzeitig soll der Bundestag die Initiative ergreifen und die regelmäßige Vorlage der Leitdokumente zur Sicherheitspolitik und zu den Auslandseinsätzen verlangen, wie dies bereits mit den "Berichten zur Lage der Nation im geteilten Deutschland" bis 1989 der Fall gewesen sei. Ohne diese Umstrukturierungen und ohne die Entwicklung neuer inhaltlicher Ideen bleibe die deutsche Sicherheitspolitik blind.

Klaus Naumann:

Der blinde Spiegel. Deutschland im afghanischen Transformations-krieg.

Hamburger Edition, Hamburg 2013; 204 S., 30 €

Aus Politik und Zeitgeschichte

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