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Aschot Manutscharjan
Kurz notiert

"Wir wollten nur das Beste, aber es ging wie immer aus". Das berühmte Zitat des früheren russischen Ministerpräsidenten Viktor Tschernomyrdin über den gescheiterten Reformprozess direkt nach dem Zerfall der Sowjetunion kennt jeder in Russland. Auch die von sozialistischen Idealen beflügelten Bolschewiki hatten die Werktätigen einst ins Paradies führen wollen. Tatsächlich fielen Millionen Menschen ihren Idealen zum Opfer. Es dauerte dann noch 70 Jahre, bis das kommunistische Imperium implodierte.

Seit Zar Peter dem Großen versucht das größte Land der Erde Anschluss zu finden an die Modernisierungsprozesse in Europa. Daran hat sich bis heute wenig geändert. Aus diesem Streben nach Fortschritt hätten Historiker und Politikwissenschaftler in Westeuropa eine "Defizitgeschichte von Rückständigkeit und Unzulänglichkeit" konstruiert, meint Dietmar Neutatz, Professor für Osteuropäische Geschichte an der Universität Freiburg. In seiner Monografie berücksichtigt er die zeitgenössischen Berichte über das Leben in der früheren UdSSR. Als Vergleichsmaßstab dient ihm die Lage der Bevölkerung im Westen. Einen Schwerpunkt legt Neutatz auf die Analyse der politischen und sozioökonomischen Entwicklungen im Russland: Welche Partizipationsmöglichkeiten haben die Menschen? Wie sehen ihr Alltag und ihre Lebenswelten aus? Wie nehmen sie selbst ihre Umwelt wahr? Obwohl sich die russischen Eliten seit drei Jahrhunderten als Europäer verstehen würden, begleite sie die Diskussion über die West-Orientierung des Landes bis heute. Diesen Befund bestätige die Debatte um die "souveräne Demokratie", die sich auch nach Moskauer Lesart an den westlichen Regierungssystemen messen lassen muss. Daneben zeigt Neutatz aber auch deutliche Unterschiede zwischen Ost und West. So zeigten Umfragen seit 1995, dass in Russland Gleichheit Vorrang habe vor Freiheit, während dies in Westeuropa umgekehrt sei.

Dietmar Neutatz setzt mit seinem Standardwerk die traditionell herausragende Geschichtsschreibung über Russland in Deutschland fort.

Dietmar Neutatz:

Träume und Alpträume. Eine Geschichte Russlands im 20. Jahrhundert.

C.H. Beck Verlag, München 2013; 688 S., 29,95 €

Aus Politik und Zeitgeschichte

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