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Hans Krump
Der Osteuropa-Experte: Karl-Georg Wellmann

Der CDU-Außenpolitiker Karl-Georg Wellmann ist kein Mann der lauten Töne. Das gilt auch im Fall der Krise um die Ukraine, wo für ihn "Diplomatie das Gebot der Stunde" bleibt. "Wir müssen aufpassen, dass die Situation nicht weiter eskaliert und nicht alles, was zwischen Europa und Russland aufgebaut wurde, zerschlagen wird." Soll der Westen die Sanktionsschraube anziehen, wenn Russlands Präsident Wladimir Putin die Lage auf der Krim anheizt? "Sanktionen sind immer Zeichen politischer Hilflosigkeit", sagt der Berliner Bundestagsabgeordnete, "nach allen Erfahrungen werden die einfachen Menschen getroffen und weniger die politisch Verantwortlichen".

Wellmann setzt trotz aller Verhärtungen auf ein Umdenken im Kreml. Die heimische Wirtschaft könne sich einen Konflikt mit dem Westen nicht leisten. Eine zusammenbrechende Ukraine würde russische Banken 30 Milliarden Euro kosten, sagt Wellmann. Er hofft, dass die Sorgen der Wirtschaft letztlich auch das Handeln Putins beeinflussen und dieser in der Ukraine- und Krimfrage "abrüstet".

Die Krim sieht Wellmann für die Ukraine "nicht als verloren" an. Für ihn sind die militärischen Operationen Moskaus auf der Halbinsel "eine dramatische Fehlentscheidung", weil es dort nie eine Bedrohungslage für die Russen gegeben habe. Was Putin auf der Krim wirklich will, sei noch unklar. Womöglich wolle er Kiew und dem Westen nur sagen "ohne oder gegen Moskau läuft hier gar nichts". Und wenn Russland die Annexion der Krim betreibt? Wellmann: "Das wäre völkerrechtswidrig. Russland wird sich damit in hohem Maße selbst schaden, weil es Vertrauen verspielt."

Die Ukraine müsse angesichts ihrer Vergangenheit und ethnischen Gegensätze künftig als föderaler Staat strukturiert sein, wenn sie eine Spaltung verhindern wolle. "Die Zukunft Europas liegt nicht im Errichten neuer Grenzen und in Kleinstaaterei", sagt Wellmann. Für die Ukraine schwebt ihm eine Art Finnland-Status vor: also nicht in der Nato, aber ökonomisch dem Westen verbunden. Ob Kiew der EU beitreten soll, sei eine Entscheidung der Ukrainer. Die bisherige Ukraine-Politik sowohl Russlands wie auch des Westens aber sei gescheitert. Daraus müssten alle Seiten Lehren ziehen, mahnt Wellmann. Dabei müsse Europa auch die Abstiegs- und Einkreisungsängste Moskaus in seine Handlungen einbeziehen.

Diese Woche fährt Wellmann mit seinem Fraktionskollegen Andreas Schockenhoff (CDU) erneut nach Kiew, um sich über die angespannte Lage dort zu informieren. Damit holt er eine für Ende Februar anberaumte und dann abgesagte Reise nach, weil ihm damals einige Gesprächspartner durch den Umsturz "abhanden" gekommen waren.

Seit seinem Bundestagseinzug 2005 sitzt Karl-Georg Wellmann im Außenausschuss. Er ist der Osteuropa-Berichterstatter der Unionsfraktion: "Für mich ist das ein spannendes Thema, weil es in diesem Raum noch Transformation gibt und sich viel bewegt." Der CDU-Politiker wünscht sich, dass Berlin hier die Rolle als Ost-West-Drehscheibe stärker nutzen würde.

2013 wurde der 61-jährige Anwalt mit einem Spitzenergebnis für den Wahlkreis Steglitz-Zehlendorf zum dritten Mal direkt in den Bundestag gewählt. Seine Obmann-Funktion für die Union im Auswärtigen Ausschuss musste er dennoch zu Beginn der neuen Legislaturperiode abgeben. Welche Ambitionen hat er noch? Für Wellmann ist seine Arbeit als Abgeordneter"sehr befriedigend, weil man selbständig arbeiten und dabei sehr viel erreichen kann". In der Außenpolitik sei langer Atem nötig. "Um Kontakte und Vertrauen im Ausland aufzubauen, braucht man mehr als zwei Wahlperioden", sagt er.

Wellmann ist ein Berliner Gewächs, der an der Spree sein ganzes bisheriges berufliches und politisches Leben zugebracht hat. Verankert ist der Ortschef der Dahlemer CDU im bürgerlich-gediegenen Berliner Südwesten, wo seine konservativen Ansichten gut ankommen. Manchmal gefällt er sich darin, eigene Akzente zu setzen. So machte Wellmann Anfang 2012 Schlagzeilen, als er als erster bekannter CDU-Politiker Bundespräsident Christian Wulff zum Rücktritt aufforderte. Oder im August 2013, als er einen westlichen Militärschlag gegen Syrien vorschlug. Was bleibt dem verheirateten Vater dreier Kinder an Hobbys? Spaziergehen und Joggen mit den beiden Labrador-Hunden.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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