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Jörg Biallas
Wenn der Riese erwacht

VON JÖRG BIALLAS

Der afrikanische Kontinent wird gern mit einem schlafenden Riesen, der sich vor der europäischen Haustür gebettet hat, verglichen. Übersehen wird dabei, dass dieser Riese zumindest die Tiefschlafphase verlassen hat. Er wälzt sich immer unruhiger hin und her und wird, vielleicht überzogen, als Bedrohung, vollkommen zu Recht aber als ausgesprochen schwer berechenbar empfunden.

In jedem Fall ist Europa gut beraten, ein konzertiertes Konzept zum strategischen Umgang mit Afrika zu entwickeln. Das ist schwierig genug. Zu vielschichtig sind die Probleme des Nachbarkontinents, zu unterschiedlich die regionalen Verhältnisse und zu kompliziert das Interessensgeflecht, mit dem die übrige Welt Afrika begegnet.

Die Industriestaaten der Welt nutzen Afrika als kostengünstigen Rohstofflieferanten, lukrativen Absatzmarkt und nicht zuletzt als gigantische Müllhalde schwer zu entsorgender Wohlstandsprodukte. So lange diese Funktionen erfüllt sind, werden die Sorgen und Nöte der afrikanischen Länder selten genug in dem Maße wahrgenommen, wie es Menschlichkeit und Anstand eigentlich gebieten würden.

Erst allmählich wächst auch hierzulande das Bewusstsein, dass uns Afrika im eigenen Interesse nicht egal sein darf. Es geht darum, despotische Herrscher in ihre Schranken zu weisen, Gewaltexzesse gegen Zivilbevölkerungen zu unterbinden, leidenden und hungernden Menschen zu helfen. Gelingt das in den nächsten Jahren nicht, werden die Flüchtlingsströme über das Mittelmeer trotz aller Abwehrmaßnahmen ein nur noch schwer beherrschbares Ausmaß annehmen.

Davon abgesehen hat der Wettlauf um die Sicherung wirtschaftlicher Pfründe in Afrika längst eine globale Dimension. Erschreckend ist dabei zu beobachten, wie skrupellos die einheimische Bevölkerung mitunter ausgenutzt wird. Der Segen einer entlohnten Arbeit wird vom Fluch der Ausbeutung aufgezehrt. Dafür sind politische Konzepte als Gegenmaßnahmen gefragt, die nicht nur in Afrika, sondern auch in Europa, Asien und Amerika erarbeitet und vor Ort umgesetzt werden müssen.

Statt das Erwachen des schlafenden Riesen zu fürchten, sollte er möglichst sanft geweckt werden, um eine gemeinsame Zukunft auf den Weg zu bringen. Übrigens: Der Wecker hat längst geklingelt.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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