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Jörg Biallas
Über den Tellerrand

VON JÖRG BIALLAS

Die Regelrente erst mit 67 Jahren, dafür jetzt als Ausnahme ein abschlagsfreier Anspruch schon mit 63 und Zulagen für Mütter mit vor 1992 geborenen Kindern? Rentenpolitik ist kompliziert und für den Laien geradezu undurchschaubar. Was gestern noch als Nonplusultra galt, kann heute schon ein überholtes Argument sein. Da ist es fast beruhigend, dass allem politischen Tauziehen wenigstens eine Konstante innewohnt. Die lautet: Ein verlässliches, dauerhaft zukunftsfähiges Rentensystem ist teuer und damit die aktuell wohl größte sozialpolitische Herausforderung unserer Zeit.

Die entscheidende Frage, die auch die Bundestagsdebatte der vergangenen Woche zum Thema geprägt hat, ist also: Können wir uns das leisten? Bei der Beantwortung ist gut beraten, wer die Tagesform ausblendet und anhand kalkulierbarer Daten ein gesellschaftliches Szenario entwirft, das möglichst über den sicht- oder wenigstens ertastbaren Tellerrand hinausdenkt. Dann könnte beispielsweise zum Vorschein kommen, dass schon bald jeder deutsche Arbeitnehmer im Durchschnitt einen Rentner finanzieren muss. Bei der momentan günstigen Lage von Konjunktur und Beschäftigung mag das funktionieren. Was aber ist, wenn das eines Tages nicht mehr so sein sollte?

Auch darf die demografische Entwicklung des Landes nicht außer Acht gelassen werden. Wir werden, gottlob, immer gesünder immer älter. Das verschiebt die Alterspyramide nachhaltig. Hinzu kommt, dass spätestens dann, wenn die geburtenstarken Jahrgänge das Rentenalter erreichen, der ohnehin vorhandene Mangel an Fachkräften zu eskalieren droht. Ältere Beschäftigte werden also für die Wirtschaft immer unverzichtbarer.

Selbstredend ist die Politik gefragt, diesen Entwicklungen Rechnung zu tragen. Hilfreich wären Rahmenbedingungen, die von Arbeitnehmern wie Arbeitgebern möglichst flexibel gehandhabt werden können und zudem lukrativ sind. Erwerbsbiografien, selbst solche innerhalb einer Berufsgruppe, lassen sich nicht über einen Leisten schlagen. Auch müssen unterschiedliche Lebensplanungen berücksichtigt werden. Gelingt es beispielsweise, frei wählbare Teilzeitmodelle vor und nach dem Erreichen des gesetzlichen Renteneintrittsalters über finanzielle Anreize zu fördern, wäre allen geholfen: dem Rentner, seinem Chef und letztlich auch dem Hüter der Rentenkasse.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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