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Matthias Politycki
Der gelähmte Kontinent

EUROPA Die EU muss als Idee wieder stark werden. Sonst wird sie vom Sog des Globalismus verschlungen

Seit Jahr und Tag wurde im öffentlichen Raum die immer gleiche, wohlfeile Bekundung in Umlauf gehalten: Die EU sei zwar in der Krise, als Modell aber nach wie vor alternativlos, ebenso zukunftsweisend wie tatsächlich zukunftsträchtig. Haben wir uns da etwa unisono Mut zugepfiffen? Wir in unsrem politisch handlungsunfähigen, militärisch ungeschützten, wirtschaftlich prekären, an seinen Rändern schwächelnden, inzwischen selbst in seiner Mitte schwankenden Hort der Aufklärung, umbrandet von Gegenaufklärung aller Art?

Die Annexion der Krim durch Russland hat uns auf den Boden der Tatsachen zurückgebracht. Putin hat einmal mehr gezeigt, dass seine entblößte Männerbrust in Russland weit mehr bedeutet als die vom Westen so gepriesene Dialogbereitschaft. Er pfeift auf die "entschlossenen" Sanktionen der EU. Was, wenn sich Russland als nächstes die Ostukraine - und als übernächstes vielleicht Armenien oder gar Lettland einverleibt? Müssen es dann wieder die Amerikaner für uns richten? Die Europäische Union, die dieser Tage angeblich näher zusammenrückt, hat es bisher jedenfalls nicht geschafft, eine funktionierende Drohkulisse aufzubauen. Und das traut ihr auch kaum noch jemand zu.

Den kursierenden Bekenntnissen zur EU fehlt nämlich seit Jahren etwas Entscheidendes: die Begeisterung. Der unbedingte Wille, die Idee unsrer Väter und Großväter nicht als Freihandels- und Phrasenzone zu verspielen. Man konzentrierte sich aufs Flüchtlings- oder Euro-Krisenmanagement und sparte das Nachdenken über die geistig-kulturelle Verschmelzung der europäischen Nationen für später auf. Offensichtlich war Europa kein kostbar Gut mehr, das man behutsam befördert, sondern ein sachzwanghaft interpretiertes Abstraktum, ein Besitz ohne rechten Besitzer.

Nun hat man immerhin einen gemeinsamen Gegner und damit auch neue Schubkraft, um sich wenige Wochen vor den Europawahlen als bekennende Europäer zu präsentieren. Aber was heißt das schon! Es reden ja vor allem diejenigen, die sich bequem in einer unserer europäischen Gesellschaften eingerichtet haben. Ihre Stellungnahmen ähneln einander auf ermüdende Weise, sind sie doch rein theoretischer Natur. Hätten sie die Grenzen Europas je ernsthaft überschritten, also über den Rahmen touristischer Schmankerlkurse hinaus, dann hätten sie die schmerzliche Erfahrung gemacht, dass Europa von den meisten Hotspots des Weltgeschehens aus verflucht antiquiert aussieht, verflucht kraftlos und müde - eine saturierte Wohlstands- oase ohne weitere Bedeutung.

Wenn wir etwa glauben sollten, dass wir für unsere viel beschworenen Werte - Menschenwürde, Pluralismus und so weiter - andernorts bewundert werden, so ist das ein Irrtum. Taxifahrer und Gemüsehändler sprechen weltweit eine deutlichere Sprache als Friedensnobelpreisträger. Ihre Botschaft ist eindeutig: Wo immer wir als Vertreter dieses oder jenes Staates möglicherweise noch punkten, werden wir als Vertreter Europas nur belächelt. Für die Amerikaner sind wir als zauderndes und im entscheidenden Moment versagendes "Altes Europa" ein Fall für die NSA geworden. Im Fernen Osten sieht man uns in unserer gutmenschlichen Restbetriebsamkeit beinahe als Inkarnation des Stillstands. Für Putin und die Anhänger eines erstarkenden Großrusslands sind wir schlichtweg Schlappschwänze.

Kein Sieger des Herzens

Europa, ein Übernahmekandidat? Einen Sieger des Herzens kennt die Geschichtsschreibung jedenfalls nicht. Wenn Europa weder vom Sog des Globalismus verschlungen werden will noch im zunehmend aggressiven "Aneinandergeraten der Kulturen", muss es wieder stark werden, und zwar als Idee. Nach dem Zweiten Weltkrieg war es die stärkste Idee, die überhaupt gedacht werden konnte; welch eine großartige Vision noch heute, die Vereinigten Staaten von Europa! Wenn es aber nicht gelingt, das utopische Potenzial des Europagedankens emotional neu zu beleben, wird er vom Primat wirtschaftlicher Überlegungen und dem blanken Pragmatismus der Faktenhuber bald vollständig ausgehöhlt sein. Dann werden Europagegner und -kritiker weiter zulegen, wird die Wahlbeteiligung bei Europawahlen weiter zurückgehen. Denn das europäische Projekt ist keine Selbstverständlichkeit. Es muss von jeder Generation aufs Neue gedacht und erarbeitet werden. Seit dem Fall des Eisernen Vorhangs haben wir keine neue Vision der Europäischen Union entwickelt außer derjenigen, möglichst viele an der alten Vision teilhaben zu lassen. Der europäische Gedanke ist damit, als Vision, de facto tot.

Wie wäre es, wenn man die überfällige Debatte um eine neue Vision anstieße, indem man, natürlich nur in polemischer Absicht, das Europa-Konzept hervorholt, das uns vor Jahrzehnten so beflügelt hat, das Konzept der alten EWG? Vielleicht ist das Europa, wie wir es derzeit betreiben, ja ein paar Nummern zu groß gedacht? Vielleicht ist es schwer genug, ein Kerneuropa auf den Weg zu bringen, dies dann aber mit tatsächlich weisungsbefugter Regierung und allen anderen Konsequenzen? Auch die Vereinigten Staaten von Amerika entstanden in ihrer jetzigen Dimension nicht auf einen Schlag.

Hier liegt freilich ein weiteres, vielleicht das Kernproblem des europäischen Einigungsprozesses. Ein Zusammenwachsen der Nationen zu einer europäischen Nation kann nur gelingen, wenn sich alle Beteiligten mit ähnlichem Stolz aufs Eigene und entsprechender Hochachtung vor den Anderen begegnen würden. Europapatriotismus wird nicht funktionieren, wenn man gerade mal Lokalpatriot ist; er wird nur aus einer Verwurzelung hervorwachsen, die von der Stadt über die Region auch die Nation beinhaltet, selbst wenn diese Verwurzelung - im Falle Deutschlands - mit ambivalenten Gefühlen einhergeht.

Der Knackpunkt der EU liegt eben nicht an ihrem südlichen oder östlichen Rand, sondern in ihrem Zentrum. Die Deutschen sind ihren europäischen Partnern nach wie vor obskur, weil sie keine vernünftige Einstellung zu sich selbst gefunden haben. Denn nur wer auf eine besonnene Weise in seiner Nationalkultur zu Hause ist, kann auch auf andre zugehen. Der Weg zu den Vereinigten Staaten von Europa führt über ein Europa der Vaterländer, wie es Charles de Gaulle vertrat.

Klare emotionale Signale

Dieses Konzept aber hat in seiner Mitte eine Leerstelle. Dabei bräuchten unsere europäischen Nachbarn ein stabil mit sich selbst im Reinen UND Unreinen stehendes Deutschland, bräuchten regional verortete und damit klare emotionale Signale, auf deren Basis ein neues Kapitel der europäischen Erzählung überhaupt erst gemeinsam erwogen werden könnte. Vor der Wiedervereinigung gab es diese klaren Signale auch. Der weltpolitische Druck, der damals auf der Bundesrepublik lastete, war größer und führte zu einer hochemotionalen Einbindung ins europäische Konzept, die auch von der Bevölkerung als Segen empfunden wurde. Empfunden! Seitdem klang alles, was wir von offizieller Seite zu Europa hörten, wie Rollenprosa. Begeisterung ließ sich damit weder in der eigenen Bevölkerung wecken noch bei anderen europäischen Regierungen. Wieder einmal in ihrer Geschichte wollten die Deutschen nämlich höher hinaus und nicht erst lange Europäer werden, sondern Weltbürger. Nationen wie die französische, die bis heute selbst-bewusst geblieben sind und entsprechend gegen die Vereinnahmung durch Amerikanisierung alias Globalisierung gesteuert haben, sind die wahren Verfechter eines patriotischen, sprich, kosmopolitischen Europas. Die bittere Wahrheit ist, dass sie damit mehr Europäer sind als wir.

Seitdem ein neuer Kalter Krieg herrscht, werden die eingefahrenen Selbstgerechtigkeiten zumindest neu überdacht. Mit einem wie auch immer befloskelten Weltbürgertum kann man keinen (europäischen) Staat machen. Der Weg zum geeinten Europa führt eben nicht direkt über die intellektuelle Überwindung der eigenen Nationalgeschichten und -kulturen. Sondern über deren sukzessives Verschmelzen zu einer gemeinsamen europäischen Geschichte und Kultur, deren Vitalität in der Vielfalt ihrer lebendigen Wurzeln zu spüren ist. Nur das ergäbe ein weiterhin kosmopolitisches, ein europäisches Europa.

Gelänge es, wäre jeder plötzlich stolz, Europäer zu sein. Und anderswo auf der Welt würde man staunend zur Kenntnis nehmen, dass es nicht nur einen amerikanischen, sondern auch einen europäischen Traum gibt, den es zu leben - und zu verteidigen - lohnt.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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