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Aschot Manutscharjan
Kurz notiert

Der Freiburger Historiker Jörn Leonhard verzichtet darauf, mit provozierenden Thesen in Zeitungen und Talkshows zu brillieren. Von ihm sind auch keine Spekulationen über mögliche Parallelen zwischen der aktuellen Entwicklung in Osteuropa und der Vorgeschichte des Ersten Weltkriegs zu vernehmen. Leonhard behauptet auch nicht, über die einzig wahre Interpretation der Ereignisse vor 100 Jahren zu verfügen. Richtig ist allerdings, dass der Historiker das derzeit beste Buch über den Ersten Weltkrieges und seine Bedeutung für die nachfolgenden Entwicklungen vorgelegt hat.

Jörn Leonhard stellt Fragen und sucht Antworten - so wie dies die beiden Augenzeugen des Krieges und Literaturnobelpreisträger Thomas Mann und Winston Churchill taten. Auf welche Erfahrungen und Erwartungen traf dieser Krieg? Welche "diabolischen Mächte" verführten die Europäer zum Massenmord? Wer sind die Erben dieses Krieges? Auf die Naivität des 19. Jahrhunderts folgte mit brutaler Härte die "Urkatastrophe" des 20. Jahrhunderts. Deutlich wird das unvorstellbare Geschehen in einer Äußerung Thomas Manns vom 1. August 1914: "Es hätte nicht gewagt, zu geschehen", wenn der Alte - gemeint ist Lew Tolstoj - noch lebte.

In seinem intelligenten Buch mit philosophischem Tiefgang bedient sich Leonhard der modernen Methoden der Historiographie. Er behandelt alle relevanten Ereignisse, neben dem Kriegsgeschehen auch die Diplomatie-Geschichte sowie die gesellschaftlichen Entwicklungen von 1914 bis 1923. Auf diese Weise vermittelt die Lektüre ein umfassendes Bild der Epoche, die die schlimmsten Abgründe in den beteiligten Nationen zutage förderte. Die europäischen Kriegsgesellschaften verloren ihre Fähigkeit, aus eigenen Kräften äußeren und inneren Frieden zu schließen. Am Ende des Ersten Weltkriegs habe sich keine Nation mit dem Lorbeerkranz des Sieges schmücken können, betont Leonhard. Erfolgreich sei nur "der Krieg selbst, das Prinzip des Krieges, der totalisierbaren Gewalt als Möglichkeit" gewesen.

Jörn Leonhard:

Die Büchse der Pandora. Geschichte des Ersten Weltkriegs.

C.H. Beck Verlag, München 2014; 1.157 S., 38 €

Aus Politik und Zeitgeschichte

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