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AUFGEKEHRT
Julian Burgert
Prioritäten im Iran

Manchmal muss man einfach politische Prioritäten setzen. Das hat sich vergangene Woche wohl auch das iranische Parlament gedacht und völlig unberührt vom drohenden Zerfall des Nachbarstaats Irak über die höchst bedeutsame Frage debattiert, ob Leggings nun Hosen sind oder nicht.

Eigentlich herrschen im Iran nämlich strenge Kleidungsvorschriften: Frauen sollen sich sittsam kleiden, um Männer nicht in Versuchung zu führen. Alles überwacht von einer Sittenpolizei. Dass nun immer mehr iranische Frauen die enganliegenden Leggings anstatt weiter Hosen tragen, missfällt so manchem konservativen Abgeordneten in Teheran. Entsprechend gründlich wurde dieser Missstand debattiert und die Fotobeweise für dieses vermeintlich unsittliche Verhalten von den Abgeordneten natürlich ausgiebigst analysiert.

Man stelle sich eine ähnliche Situation in Deutschland vor. Auf dem Höhepunkt der Krise in der Ukraine debattiert der Bundestag über die Frage, wie viel Bein Frau zeigen darf. Nun ist der Bundestag voll mit adretten Frauen, die ausgesprochen gerne Bein zeigen, gerade im Sommer. Ein parlamentarischer Sittenwächter hätte wahrlich viel zu tun - und viel zu verlieren.

Die konservativen iranischen Parlamentarier jedoch sind sich ihrer Sache sicher und stellen die bemerkenswerte Frage, warum sich der Innenminister nicht für die Leggins der Frauen interessiert, rein politisch selbstverständlich. Bei uns würde sich aus dem Gegenteil ein Politikum entwickeln, wenn nämlich der Innenminister sich für die Leggins und Frauenbeine allzu sehr interessierte. So unterschiedlich sind die parlamentarischen Prioritäten dieser Welt.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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