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Aschot Manutscharjan
Kurz notiert

Investigative Recherche war gestern: Dank der NSU-Untersuchungsausschüsse des Bundestages und diverser Landtage können Journalisten Artikel und Bücher veröffentlichen, die auf deren Nachforschungen beruhen. Die Quellen werden frei Haus geliefert und bestehen aus den mehrere tausend Seiten umfassenden Protokollen der Ausschüsse. Das darüber hinaus fehlende Material steuern Gerichtsakten bei.

Der Fall der "Nationalsozialistischen Untergrunds" (NSU) belegt eindrucksvoll nicht nur das Versagen der Strafverfolgungsorgane, sondern auch des investigativen Journalismus. Niemand kam auf die Idee, hinter der zehn Jahre lang durch Deutschland ziehenden Mörderbande, unter deren Opfern sich bis auf eine Ausnahme ausschließlich "Ausländer" befanden, rechtsradikale Motive zu vermuten und darüber zu schreiben. Das grausame Treiben der NSU-Zelle kam nur durch Zufall ans Licht.

Immerhin haben jetzt die beiden erfahrenen Journalisten Stefan Aust und Dirk Labs die umfangreichen Dokumente ausgewertet und ein Protokoll der NSU-Verbrechen veröffentlicht. Dem Leser ist dieses gut strukturierte Buch zu empfehlen - nicht weil es alle Hintergründe und komplexen Zusammenhänge aufdecken und verbinden würde, sondern weil es auf Untersuchungslücken hinweist. Man vermag es kaum glauben, aber noch längst sind nicht alle Details geklärt, so dass Spielraum für Verschwörungstheorien bleibt: Handelt es sich bei der massenhaften methodischen Aktenvernichtung beim Verfassungsschutz tatsächlich nur um "Dummheit" oder war es ein bewusster Akt der Vertuschung? Wieso war die gesamte Spitze der Sicherheitsbehörden in den 1990er Jahren so tief davon überzeugt, dass es keine "braune RAF" in Deutschland gibt?

Das Fazit der Autoren lautet: Der Rechtsstaat hat durch seinen halbherzigen Kampf gegen den Rechtsextremismus schweren Schaden genommen. "Heimatschutz" von Aust und Labs ist ein Standardwerk, für künftige Leser ein Zeugnis der Zeitgeschichte.

Stefan Aust, Dirk Labs:

Heimatschutz. Der Staat und die Mordserie des NSU.

Pantheon Verlag, München 2014, 864 S., 22,99 €

Aus Politik und Zeitgeschichte

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