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Ulrike Koltermann
Heime mit schlechtem Ruf

FRANKREICH Die Regierung will per Gesetz die Lage bessern

In Frankreich haben Altenheime einen schlechten Ruf: Sie seien zu teuer, schlecht ausgestattet, und die Pflegekräfte kümmerten sich nicht ausreichend um die Bewohner. "Hoffentlich muss ich meine Eltern nie in einem Heim unterbringen", heißt es häufig, wenn von Pflegefällen die Rede ist. Die Medien berichten regelmäßig von Missständen in Heimen. Das liegt nicht zuletzt daran, dass die staatliche Unterstützung älterer Menschen in Frankreich nicht klar geregelt ist. Eigentlich hatte Präsident Jacques Chirac Ende der 90er Jahre eine Pflegeversicherung nach deutschem Vorbild einführen wollen. Doch daraus wurde nichts. Seitdem gibt es zwar finanzielle Hilfen für pflegebedürftige Menschen, doch ein Großteil der Kosten wird weiterhin auf die gesetzliche Krankenkasse abgewälzt, die ohnehin schon defizitär ist.

Schockerlebnis

Ein Schlüsselereignis war die Hitzewelle im Sommer 2003, als die Temperaturen in französischen Städten über 40 Grad kletterten. Innerhalb von drei heißen Augustwochen starben mehr als 150.000 Menschen, vor allem ältere, die allein in ihren Wohnungen lebten. Den Franzosen wurde plötzlich klar, dass die Versorgung der über 70-Jährigen dringend verbessert werden müsse. Im Jahr drauf erklärte die Regierung den Pfingstmontag zum "Solidaritätstag für alte Menschen".

Vor vier Wochen hat Staatssekretärin Laurence Rossignol nun einen Gesetzentwurf mit 66 Artikeln vorgelegt, um Frankreich auf das Phänomen der alternden Gesellschaft vorzubereiten. "Wir müssen uns auf die gestiegene Lebenserwartung einstellen, jeder einzelne und die Gesellschaft insgesamt", betonte die Politikerin. Ziel sei es, in Würde altern zu können. Der demografische Hammer schlägt auch in Frankreich zu: Derzeit sind knapp 1,5 Millionen Franzosen älter als 85, im Jahr 2050 werden es bereits fünf Millionen sein. Und 2060 wird jeder dritte Franzose über 60 Jahre alt sein. Allerdings besteht ein großer Unterschied zwischen Frankreich und anderen Ländern in Europa. Aufgrund der hohen Geburtenrate von zwei Kindern pro Frau wird der Anteil alter Menschen an der Gesamtbevölkerung immer noch geringer bleiben als beispielsweise in Deutschland. Experten begrüßen den seit langem angekündigten Gesetzentwurf. "Diese Reform ist wichtig, weil sie endlich die Debatte anstoßen wird, die die ganze Gesellschaft angeht, und zwar nicht nur die Über-85-Jährigen", kommentierte Pascal Champvert, der Vorsitzende der Vereinigung von Leitern von Einrichtungen für Senioren.

Neue Technologien

Die Regierung setzt sich zum Ziel, dass alte Menschen so lange wie möglich zu Hause bleiben können. Ein dreifaches A beschreibt die Reform: anticiper-adapter-accompagner, übersetzt: vorbeugen, anpassen und betreuen. Vorbeugen bedeutet etwa, dass ältere Leute gratis Kurse besuchen können, um Sport- und Gedächtnisübungen zu machen. Regelmäßige Übungen seien wichtig, um die Selbstständigkeit so lange wie möglich zu erhalten, heißt es. Alte Menschen sollten zudem verstärkt neue Technologien nutzen, die sie vor Notfällen bewahren. So gibt es etwa Sturzdetektoren in Form von Armbändern, die einen Notruf auslösen können. Oder auch Leuchtstreifen auf dem Boden, um die Orientierung zu erleichtern. Rund 140 Millionen Euro will die Regierung bereitstellen, um vor allem einkommensschwache Haushalte mit solchen Hilfen auszustatten.

Bei der Anpassung geht es unter anderem um Wohnraum und öffentliche Transportmittel, die stärker auf die Bedürfnisse von Senioren ausgerichtet sein sollen. Der Gesetzentwurf hat hier jedoch weitgehend appellierenden Charakter. Ältere Menschen sollen zudem leichter einen Kredit erhalten, wenn sie das Geld für den seniorengerechten Umbau ihrer Wohnung nutzen wollen. Um die Betreuung zu verbessern, werden die finanziellen Hilfen für ambulante Pflegedienste aufgestockt, so dass sie sich eine intensivere Betreuung leisten können. Insgesamt sind dafür 350 Millionen Euro vorgesehen. "In einer Zeit, in der überall gespart wird, bedeutet das eine gewaltige Anstrengung", betonte Rossignol.

Alte Menschen sollen künftig auch besser vor Ausnutzung geschützt werden. So ist es verboten, Pflegeeinrichtungen oder einzelnen Pflegern Geldgeschenke zu machen oder sie gar zu Erben einzusetzen. Ein heißes Eisen packt der Gesetzentwurf jedoch nicht an: die Reform der Alten- und Pflegeheime. "Wir haben uns entschieden, mit den Hilfen für die ambulante Betreuung zu beginnen, denn die meisten Franzosen wollen am liebsten zu Hause alt werden", sagt Rossignol. Die nötigen Sparmaßnahmen ließen es nicht zu, sich gleichzeitig um die Finanzierung der Pflegeeinrichtungen zu kümmern.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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