Inhalt

Birte Schmidt
Ein Vorbild für die Welt

SCHWEDEN Hohe Investitionen, zufriedene Senioren

Vergangene Woche nahm Maria Larsson an einem Lauf für eine demenzfreundlichere Gesellschaft teil. Das Foto hat Ministerin Maria, wie sie sich auf Twitter nennt, auf der Internetplattform hochgeladen. "Meine Vision ist es, dass man weiter die Person sein kann, die man mal war, auch wenn man pflegebedürftig wird", sagt die Christdemokratin und Schwedens Ministerin für Kinder und Senioren. Die 58-Jährige setzt sich dafür ein, dass auch ältere Menschen ihre Alltagsgewohnheiten beibehalten und in ihrer gewohnten Umgebung bleiben können. "Wir müssen besser darin werden, Krankheiten vorzubeugen und gleichzeitig effektiver in der Pflegearbeit werden", beschreibt sie das Ziel ihrer Politik.

Dass die Schweden im weltweiten Vergleich auch heute schon im Alter oder im Falle einer Pflegebedürftigkeit sehr gut versorgt sind, zeigt der Global Age Watch Index 2013. Gemeinsam mit weiteren Organisationen haben die Vereinten Nationen in der Studie verglichen, wie gut es älteren Menschen in 91 Ländern geht - aufgeschlüsselt nicht nur nach Pflege, sondern auch nach den Gesichtspunkten der finanziellen Absicherung und Lebenserwartung. Auf Platz eins des Rankings landete Schweden, gefolgt von Norwegen und Deutschland.

Individuelle Lösungen

Nordeuropas Wohlfahrtsstaat ist dafür bekannt, dass er sich besonders gut um seine Älteren kümmert. Den Schweden ist das viel wert: Finanziert wird das Gesundheitssystem überwiegend aus Steuern, mit denen alle Bürger einkommensabhängig für diese Absicherung bezahlen. Im Schnitt liegen die Steuern bei etwa elf Prozent, gemessen am Bruttoinlandsprodukt investieren die Schweden damit weltweit am meisten für die Pflege ihrer Senioren.

Organisiert ist das schwedische Gesundheitssystem staatlich, die Verantwortlichkeit liegt bei den 21 Provinziallandtagen. Weil Selbstbestimmung und die Wahlfreiheit, zu Hause wohnen bleiben zu können, oberste Priorität haben, prüft zumeist die Kommune jeden Einzelfall und entscheidet, wer welche Hilfe erhält. Dabei wird immer die Situation des Pflegebedürftigen betrachtet. Städte oder Gemeinden organisieren daraufhin individuell Bring- und Fahrdienste, Treffen im Seniorenzentrum, Betreuung zu Hause und Lohnausgleich für pflegende Angehörige. Pflegestufen wie in Deutschland gibt es nicht. Um in Schweden im Gesundheitsbereich zu arbeiten, benötigt man übrigens, egal ob in der Alten- oder Krankenpflege, ein Studium. Dieses wird an verschiedenen Pflegehochschulen angeboten. Das Abitur ist hierfür Voraussetzung.

Doch auch Schweden steht vor Herausforderungen, wenn es um die Zukunft des Gesundheitssystems geht. Denn auch im Norden nimmt die Anzahl der Senioren zu; schon 2020 wird hier die erste Generation der geburtenstarken Jahrgänge 80 Jahre alt. Die Anzahl der über 65-Jährigen wächst - so hat es eine Erhebung vom Verbund der schwedischen Kommunalpensionäre ergeben - bis 2030 um knapp 30 Prozent, während die Zahl der Arbeitskräfte in der selben Zeit nur um fünf Prozent steigt. Die Zahl der über 80-Jährigen, die die meiste Pflege brauchen, wächst im selben Zeitraum sogar um 60 Prozent.

Noch kommen in schwedischen Pflegeheimen auf 100 Menschen, die älter als 80 Jahre sind, 33 bis 44 Pfleger. Zum Vergleich: In Deutschland müssen die pflegebedürftigen Älteren mit elf bis 15 Pflegern auskommen. Erhebungen gehen aber davon aus, dass bis 2030 auch in Schweden mindestens 250.000 Berufseinsteiger für den Gesundheitsbereich rekrutiert werden müssen, um diesen Standard zu halten oder weiter zu verbessern. Alleine für die Altenpflege brauche es 150.000 Personen.

Am 14. September wählen die Schweden ihren neuen Reichstag und längst schon haben die großen Parteien die Alterspolitik zum Wahlkampfthema gemacht. Jüngst hatte der öffentlich-rechtliche Fernsehsender SVT in einer Expertise herausgefunden, dass 67 Prozent der Schweden ab 18 Jahren Befürchtungen davor haben, in Schweden alt zu werden. Fast alle Parteien hatten sich auf das Ergebnis gestürzt, bemängelten die Qualität der Pflege, die zu geringe Anzahl des Personals, hielten sich jedoch weitgehend bedeckt im Hinblick auf Lösungen zur Finanzierung.

Imageproblem

Ministerin Larsson hingegen setzt auf die Ergebnisse einer Studie, die jedes Jahr im Auftrag der Regierung unter allen 140.000 pflegebedürftigen Schweden durchgeführt wird. Von ihnen fühlen sich lediglich vier Prozent nicht gut gepflegt, 89 Prozent sind zufrieden. Schwedens Pflegesystem hat also vor allem ein Imageproblem bei den Jüngeren, die an den hohen Preis, den sie zahlen, hohe Erwartungen knüpfen. "Dabei fungiert das schwedische Pflegesystem nach wie vor als Vorbild in der ganzen Welt", sagt Larsson. Birte Schmidt

Die Autorin arbeitet als freie Journalistin in Hamburg.

Aus Politik und Zeitgeschichte

© 2016 Deutscher Bundestag