Inhalt

Jochen Wittmann
Das Haus ist in Gefahr

GROSSBRITANNIEN Nur bei Ärmeren helfen die Kommunen

Im Unterschied zu dem deutschen, auf Bismarck zurückgehenden Sozialversicherungskonzept organisiert sich die Pflege in Großbritannien nach dem sogenannten Beveridge-Modell. 1942 legte der Ökonom und Politiker der Liberalen Partei, William Henry Beveridge, die Grundlagen für das britische Sozialsystem, wie es bis heute funktioniert. Es wird nicht über Versicherungen, sondern durch Steuern finanziert, ist staatlich organisiert und stellt egalitäre Grundleistungen für alle Bürger parat. So ist der Nationale Gesundheitsdienst (NHS) für jedermann kostenlos zugänglich. Umsonst ist er natürlich nicht, da der NHS aus dem allgemeinen Steueraufkommen finanziert wird und rund 2.000 Pfund, umgerechnet 2.500 Euro, für jede Person im Königreich kostet. Damit gilt: Wer krank wird, wird versorgt. Doch wer alt wird, muss erst einmal für sich selbst sorgen. Denn bei der Altenpflege kommen zusätzliche Kategorien ins Spiel. Der NHS übernimmt kostenlos die Versorgung, wenn die akute medizinische Lage es verlangt. Doch wer einfach nur alterstypische Gebrechen hat oder langzeit pflegebedürftig ist, wird nicht vom NHS, sondern von den Sozialsystemen der Kommunen versorgt.

Höhere Vermögensschwelle

Und das kann teuer werden, denn die Leistungen sind vermögensabhängig. Nur bei denen, die zu arm sind, übernehmen die Kommunen die Kosten der Pflege, die jetzt bei durchschnittlich 2.900 Pfund, umgerechnet 3.600 Euro, pro Monat liegen. Zur Zeit haben nur Personen mit einem Vermögen von weniger als 23.250 Pfund, umgerechnet rund 29.000 Euro, einen Anspruch auf kostenfreie Alterspflege. Wer also ein Haus besitzt, kann es nicht an seine Kinder vererben, sondern muss es verkaufen, um die Alterspflege mitzufinanzieren. Andererseits besteht seitens der Kinder auch keine finanzielle Mitverantwortung, denn die in Deutschland geltende Unterhaltspflicht in gerader Linie gibt es im Königreich nicht.

Die Konservative Partei, die derzeit in der Regierungsverantwortung steht, hatte das Unbehagen im britischen Mittelstand gespürt, nach einem langem Arbeitsleben die Früchte desselben verscherbeln zu müssen, um eine Pflege im Ruhestand zu finanzieren. Sie hat daher 2010 eine Kommission über die Pflegefinanzierung unter Führung des Wirtschaftswissenschaftlers Andrew Dilnot eingesetzt, die ein Jahr später weitreichende Reformen vorschlug. Danach soll 2016 die Vermögensschwelle, ab der Privatpersonen für ihre Pflege zahlen müssen, auf 118.000 Pfund, umgerechnet rund 148.000 Euro, angehoben werden. Auch wer darüber liegt, soll dann nicht wie bisher unbegrenzt für seine Versorgung aufkommen müssen: Die Höhe der Eigenfinanzierung wird bei 35.000 Pfund, umgerechnet rund 44.000 Euro, gedeckelt.

In Großbritannien gestaltet sich die demografische Situation besser als in Deutschland. Nach Prognosen des Washingtoner Forschungsinstituts "Population Reference Bureau" wird Großbritannien bei der Einwohnerzahl spätestens 2050 das größte Land in Europa sein. Dann wird es eine Bevölkerung von rund 77 Millionen aufweisen, während Deutschland, das jetzt noch eine Population von etwas mehr als 80 Millionen hat, bis dahin um elf Millionen Einwohner geschrumpft sein soll. Das liegt vor allem an zwei Gründen. Zum einen hat Großbritannien eine traditionell liberale Einwanderungs- und Naturalisierungspolitik. Die letzte große Immmigrationswelle setzte nach dem Beitritt der osteuropäischen Staaten zur EU ein. Seit Anfang 2004 sind mehr als eine Million Osteuropäer, vornehmlich Polen, nach Großbritannien eingewandert. Allein im vergangenen Jahr betrug der Zuwachs rund 400.000 Menschen. Zum anderen liegt die sogenannte Fertilitätsrate höher. Während in Deutschland auf jede Frau im Schnitt 1,43 Kinder kommen, sind es in Großbritannien 1,98 Kinder, die höchste Rate seit 30 Jahren.

Immer wieder kam es in den vergangenen Jahren zu Skandalen bei der Pflege in Altersheimen. Da wurde in Camden eine demente Frau von einem Pfleger misshandelt, da hat das Personal in Croydon die Hilferufe einer 98-Jährigen absichtlich ignoriert. Es kam zu sexuellen Übergriffen und Demütigungen wehrloser Heimbewohner. Kritiker führen dies darauf zurück, dass, im Gegensatz zu Pflegeberufen im NHS, bei der kommunal organisierten Altenpflege fast jeder zu einem "carer" werden kann. Mit einer Fachausbildung bei der Altenpflege könnten Mindeststandards garantiert werden, aber die ist nicht vorgeschrieben. Und wenn die Bezahlung oft nur knapp über dem Mindestlohn liegt, ist eine Identifizierung mit der Aufgabe oft nicht gegeben.

D

Aus Politik und Zeitgeschichte

© 2016 Deutscher Bundestag