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Zeitzeuge
Dieses Land war am Ende

Matthias Platzeck Für Brandenburgs späteren Ministerpräsidenten waren Umweltzerstörungen ein Grund für den Protest gegen das System

Dieses Land war an seinem Ende, das konnte man spüren: Wenn man die Luft atmete, sich den Zustand der Flüsse oder die Beschaffenheit der Böden anschaute. Es gab in der DDR eine junge Generation , die in dem Glauben aufgewachsen war, dass auf Flüssen Schaumkronen obendrauf sein müssten. Dass es früher einmal möglich gewesen war, in Elbe und Oder zu baden, das war für sie unvorstellbar.

Protest

Zwar stand in der DDR-Verfassung von 1968: "Im Interesse des Wohlergehens der Bürger sorgen Staat und Gesellschaft für den Schutz der Natur." Trotzdem erzählte man sich im ganzen Land den Witz: "Alles ist grau in der DDR, nur die Flüsse sind bunt." Nicht zufällig war der Zustand der Umwelt eine der drei Säulen des Protests gegen das System, der schließlich in die friedliche Revolution von 1989 mündete.

Um Bescheid zu wissen, wie es um unsere Umwelt stand, brauchte man übrigens keine besonderen Informationen. Das konnte jeder erfahren, der sich über Land bewegte. Wenn man sah, welche Kraterlandschaften der Braunkohletagebau in der Lausitz hinterließ, ohne dass es eine Aussicht auf Renaturierung gab, oder wenn man unterwegs war im mitteldeutschen Chemiedreieck, wo dauerhaft ein grauer Schleier über der Region hing.

In den 1970er Jahren begann man in Westdeutschland über das Waldsterben zu sprechen. In Ostdeutschland konnte man es sehen.

Im oberen Erzgebirge mutete es stellenweise so an wie nach einem Krieg, dort gab es keinen gesunden Baum. Vor allem für Familien mit Kindern war das ein beunruhigendes Szenario, weil man sich natürlich fragte, unter welchen Bedingungen die Töchter und Söhne später leben sollten. Ich konnte das ja selbst ganz genau in der eigenen Familie beobachten: In Ilmenau, meinem Studienort, waren meine Kinder gesund, und in Karl-Marx-Stadt, meinem ersten Arbeitsort, hatten sie vom ersten Tag an Bronchitis oder ähnliche Krankheiten. Und der Arzt sagte,: "Zieht weg, das ist das Einzige, was hilft."

Flucht vor der Umweltzerstörung

Karl-Marx-Stadt hatte vor dem zweiten Weltkrieg den Beinamen Ruß-Chemnitz und diesem Beinamen hat es auch zu DDR-Zeiten alle Ehre gemacht. Die DDR stand europaweit in Sachen Staub- und Schwefeldioxidemission an vorderer Stelle, hauptsächlich verursacht durch die Industrie. Offiziell durfte es das alles nicht geben. Aber es ließ nicht vertuschen. Es war also nicht nur der Mangel an Waren, der die Leute zur Flucht in den Westen trieb. Bei vielen war es auch schlicht eine Flucht vor der Umweltzerstörung. Die Menschen, die wie ich in der Umweltbewegung aktiv waren, wussten, dass am ökologischen Umbau des Landes einfach kein Weg vorbeiführte.

Woran es lag, dass es so weit gekommen war? Der DDR fehlten unter anderem durch Missmanagement einfach die ökonomischen Ressourcen. Man hatte sich entschieden, zunächst die sozialen Fragen zu beantworten - also ging das Geld etwa in den staatlichen Wohnungsbau. Und um die anderen Felder zu beackern, war dann einfach keines mehr da.

Beruflich war ich seit den 1980er Jahren mit Umweltfragen befasst. Durch die Beschäftigung mit der Literatur und den Austausch mit Kollegen konnte ich sehen, dass es anderswo Lösungen für unserer Probleme gab: etwa Reinigungstechnik für Kraftwerke, Katalysatoren für Autos oder ausgereifte Kläranlagen für unser Abwasser. Zum Ende der DDR hatte ja fast jede mittelgroße Stadt im Land eine eigene Mülldeponie, auf die alles geschmissen wurde, was so anfiel. Jeder wusste, dass das spätestens in zehn Jahren später dazu führen würde, dass die Böden endgültig ruiniert gewesen wären. Aber wir wussten eben auch, dass solche Probleme gelöst werden konnten.

Hoffnungen erfüllt

Und deshalb war die Hoffnung nach 1989 auch so groß. Und so ist es dann auch passiert. Wir haben in Elbe und Oder eine Wasserqualität, die es erlaubt, in den Flüssen zu baden, die Fische sind zurückgekommen und aus dem ehemaligen Braunkohletagebaugebiet in der Lausitz machen wir gerade Europas größte künstliche Seenlandschaft. Bei allen Problemen, die es in der Wendezeit gab und allen Fragen, die bis heute offen sind: In Sachen Umweltschutz haben sich die Hoffnungen, die wir in der DDR-Oppositionsbewegung hatten, erfüllt.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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