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Zeitzeuge
Wir Ost-68er brauchten einen langen Atem

WERNER SCHULZ Der spätere Grünen-Politiker wollte seine Heimat trotz vieler Enttäuschungen nicht verlassen. 1990 wurde er Mitglied der ersten frei gewählten Volkskammer

Die Entwicklung in den "sozialistischen Bruderstaaten" haben wir immer aufmerksam verfolgt - wir lebten ja in der ständigen Hoffnung, dass es von dort Impulse für Reformen geben würde. Denn die DDR war eine Lüge mit drei Buchstaben und in Wirklichkeit ein demagogisches Regime.

Restlos bewusst wurde mir das 1968. Ich hatte im Mai Abitur gemacht und war dann im Juli mit Freunden nach Prag gefahren, wo wir die Auswirkungen des Prager Frühlings spürten. Damals war ich voller Hoffnung: Ich dachte, die Veränderungen ließen sich nicht mehr aufhalten und der vielzitierten "Sozialismus mit menschlichem Antlitz" würde auch zu uns überschwappen. Dass es nicht so kam, war eine tiefe Enttäuschung. Was blieb, war die bittere Erkenntnis, dass alle Versuche, das System zu überwinden oder umzukrempeln, brutal niedergeschlagen werden. Wir Ost-68er hatten keine Chance, den Marsch durch die Institutionen anzutreten, sondern mussten noch längeren Atem beweisen.

Mit der Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa 1975 in Helsinki keimte neue Hoffnung auf. Und führte zu Bürgerinitiativen in Polen und der Charta 77 in Prag, einer Petition gegen die Menschenrechtsverletzungen des kommunistischen Regimes in der Tschechoslowakei. All das waren Ermutigungen und Impulse für die Andersdenkenden in der DDR, die verstreut in Wohnzimmern und Küchen saßen und darüber debattierten, wie es weitergehen könnte.

Dass es einen Weg aus diesen Nischen hinaus in die Gesellschaft geben könnte, dieser Gedanke entwickelte sich mit dem Aufkommen der polnischen Gewerkschaft Solidarnosc, die aus einer Streikbewegung von Arbeitern hervorgegangen war und stark durch die katholische Kirche unterstützt wurde. Als wir das sahen, reifte auch in uns die Überlegung, es zu wagen, in den öffentlichen Raum vorzudringen. So fanden und nutzen wir den politischen Freiraum unter dem Dach der evangelischen Kirche. 1981 entstand der Pankower Friedenskreis - der bezeichnenderweise von der Staatssicherheit als "Operativer Vorgang Virus" geführt wurde. Sie hatten Angst vor der Ausbreitung und haben mit allen Mitteln versucht, die Ansteckungsgefahr zu bannen. In ähnlicher Form entstanden Oppositionsgruppen in vielen Kirchen und Städten der DDR. So wurden im entscheidenden Moment aus Bürgerrechtsgruppen eine Bürgerbewegung und die protestantische Kirche zum Basislager der friedlichen Revolution. Von 68 bis 89 war eine bedrückende Zeit mit etlichen Rückschlägen. Vor allem wenn Freunde weggingen, weil sie keine Hoffnung mehr hatten, dass sich etwas ändern würde. Für mich war es ein Schlüsselerlebnis, als mich ein Vernehmer der Stasi entnervt fragte, was ich eigentlich noch hier wolle. "Verlassen Sie das Land in den nächsten acht bis 14 Tagen, wir lassen Sie gehen." Und ich sagte: "Wie kommen Sie darauf? Das hier ist meine Heimat! Wenn Sie gehen, würden sich die Probleme lösen lassen."

Abstimmung mit den Füßen Im Sommer und Herbst 1989 schauten wir dann gebannt auf Ungarn. Das Land war bekanntlich die lockerste Baracke im sozialistischen Lager. Als dort plötzlich der Eiserne Vorhang zerschnitten wurde, die hermetischen Abriegelung des Ostblocks vorbei war und die Ungarn und dann auch die Tschechen und Bulgaren keine Lust mehr hatten, die DDR-Bürger festzuhalten, war das eine Abstimmung mit den Füßen. Letztlich wurde die Verbindung von Oppositionsgruppen und Ausreisewilligen zum Mauersprengstoff. Der politische Vorlauf der Ost-68er war eine wesentliche Grundlage für die Herbstrevolution 89. Zwischen beiden Jahreszahlen gibt es einen politischen Zusammenhang. In Leipzig, Berlin und Prag wurde die 89 umgedreht und als Antwort für 68 hochgehalten.

Unser Revolutionsmobiliar, den "Runden Tisch", haben wir von unseren Nachbarn übernommen. Die Polen hatten ihn schon im Februar 1989 mit Erfolg eingerichtet. Für uns war klar, dass wir an einem solchen Runden Tisch dafür sorgen würden, die SED-Diktatur durch freie Wahlen und die Einführung der von Anbeginn vorenthaltenen Bürgerrechte zu brechen.

Wenn ich heute in den ehemaligen Ostblock schaue, dann empfinde ich neben Genugtuung auch Sorge. Enttäuscht bin ich, dass in Budapest, das wir immer für das Paris des Ostblocks hielten, heute eine äußerst zweifelhafte Politik betrieben wird. Ich habe den heutigen ungarischen Premier Viktor Orbán im September 1989 kennengelernt. Damals traf ich einen Bürgerrechtler, der für Rechtsstaatlichkeit und Demokratie eintrat. Dass er von diesem Weg abgekommen ist und in Autokraten wie Wladimir Putin ein Vorbild sieht, betrübt mich sehr.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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