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Zeitzeuge
Plötzlich waren viele, die ich kannte, nicht mehr da

KARAMBA DIABY Erst vier Jahre in der DDR, muss der junge Student aus dem Senegal feststellen, dass viele Bürger das Land verlassen wollen

Im Oktober 1985 bin ich in die DDR gekommen. Erst zum Sprachkurs nach Leipzig und dann im Sommer 1986 zum Chemiestudium nach Halle. In den ersten Jahren konnte ich die Entwicklungen in der DDR noch nicht so richtig einordnen. Ich selbst verspürte eine große Zufriedenheit und Dankbarkeit für die Chance, die ich erhalten hatte, in mir. Als Waisenkind habe ich mir zuvor mit meinem Bruder dessen Stipendium in Dakar geteilt. Da blieb nicht viel übrig. Zwei Jahre habe ich in dieser Situation versucht, in Dakar zu studieren.

Neid auf Devisen

Dann habe ich selbst ein Stipendium bekommen - nicht vom senegalesischen Staat, sondern von der DDR, was eben zu dieser Dankbarkeit führte. Dennoch habe ich durch Gespräche mitbekommen, dass die Menschen in der DDR mit der Situation unzufrieden waren. Ausländische Studierende, insbesondere jene, die über Devisen verfügten, haben auch mitbekommen, dass es viel Neid gab. Nach dem Motto: Die haben Devisen und dürfen in den Westen reisen. Wir sind hier geboren und aufgewachsen und dürfen das nicht. Den Neid auf Devisen habe ich persönlich nicht erfahren. Als senegalesisches Waisenkind hatte ich niemanden, der mir hätte etwas schicken können.

Aufgefallen ist mir auch, dass alle sehr vorsichtig waren. Es gab kein hundertprozentiges Vertrauen - selbst unter Freunden nicht. Es ergab sich das ein oder andere Mal, dass ich mit meinen Mitstudenten an den Wochenenden zu deren Eltern gefahren bin. Dort war man immer sehr freundlich zu mir. Aber dennoch stockten die Gespräche, wenn ich als "Fremder" den Raum betrat.

Merkwürdige Verabschiedung

Ich persönlich hatte auch Kontakt zu Studierenden, die gegenüber dem DDR-Staat kritisch eingestellt waren. Ein sehr guter Freund von mir war in der Umweltbewegung aktiv. Umweltverschmutzung war gerade in Halle ein Riesenthema in Studentenkreisen. Mit diesem Freund und seiner Freundin habe ich ein paar Mal Urlaub gemacht und auch einige Radtouren unternommen. Im August 1989 - die beiden hatten inzwischen einen Sohn - erzählten sie mir, sie würden in den Urlaub fahren. Die Verabschiedung war ein bisschen merkwürdig. Aber ich habe mir damals nicht viel dabei gedacht. Tage später kam die Nachricht, dass die Grenze in Ungarn nach Österreich aufgemacht wurde. Da wurde mir einiges klar. Und in der Tat: Sie sind abgehauen, wie man damals sagte. Lange habe ich nichts von ihnen gehört. Erst als sie sich dann meldeten, habe ich angefangen, das Ganze zu reflektieren. Ich hatte Verständnis für sie. Sie waren sehr kritisch, weltoffen und an vielen Sachen interessiert und fühlten sich in der DDR eingeengt.

Die Situation im Sommer 1989 war auch für mich ungewöhnlich. Plötzlich waren viele, die ich kannte, nicht mehr da. Da habe ich mir natürlich Gedanken gemacht: Wenn so viele verschwinden, könnte das auf kurze Sicht das Ende der DDR sein, dachte ich. Das sorgte bei mir selbstverständlich für eine gewisse Verunsicherung. Es war ja schließlich der Staat DDR, der mich zum Studieren eingeladen hatte. Keiner wusste zu dem Zeitpunkt, in welche Richtung es gehen sollte. Die ausländischen Studierenden waren total verunsichert.

Das verstärkte sich noch, als das SED-Politbüro-Mitglied Schabowski im Fernsehen erklärte, die Mauer sei offen. Da herrschte ja große Begeisterung im Land. Umso erstaunter war ich, dass eine sehr gute Freundin von mir diese Begeisterung nicht teilte und sogar regelrecht enttäuscht war. Da hat es bei mir Klick gemacht und ich habe gemerkt: Es gibt also doch DDR-Bürger, die das gar nicht wollen.

SED-Nachfolgepartei

In der Wendezeit habe ich mich schon sehr für die Aktivitäten der Runden Tische interessiert. Bei Demos war ich nicht, weil ich nicht wusste, was das für Folgen für mich haben kann. Hätte ich das Studium abbrechen müssen, hätte ich überhaupt nichts in der Hand gehabt. Die Gefahr, das Studium abbrechen zu müssen, führte auch bei vielen anderen ausländischen Studierenden zu Existenzängsten. Wer von seinem sozialistischen oder kommunistischen Herkunftsstaat geschickt wurde, für den war die Lage geklärt. Deren Stipendium wurde dann von der SED-Nachfolgepartei übernommen. Das galt aber nicht für mich.

Ich hatte damals immerhin das Glück, Sprecher der internationalen Studierenden gewesen zu sein. Gut Deutsch konnte ich auch, so dass sich mir die Zusammenhänge besser erschlossen haben. Aber dennoch: Als Studierende wussten wir nicht, wen wir fragen sollten, wie es für uns weitergeht. In den Verwaltungen der Unis hatten die Mitarbeiterinnen und Mitarbeite selbst keine Ahnung, was mit ihnen passiert. Die Unsicherheit war groß: Keiner wusste, was für eine Art von Staat kommen wird. Auch eine Einigung Deutschlands war damals noch nicht in Sicht.

Das war schon eine seltsame Situation. Klar hatte ich Verständnis dafür, dass viele DDR-Bürgerinnen und Bürger sagten, so kann es nicht weitergehen. Aber mich hat das in eine blöde Situation gebracht, da ich nicht wusste, ob ich weiter studieren kann. Schlussendlich hat dankenswerterweise der Deutsche Akademische Austauschdienst das Stipendium für uns ausländische Studierende übernommen. Ich konnte mein Studium 1991 und fünf Jahre später meine Promotion erfolgreich abschließen.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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