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Zeitzeugin
Wie schön!

VERA LENGSFELD Der Tag des Mauerfalls

Am Morgen des 9. November bin ich in die DDR zurückgekehrt. Im Januar 1988 war ich auf dem Weg zur Liebknecht-Luxemburg-Demonstration in Ost-Berlin verhaftet worden - wegen "versuchter Zusammenrottung". Man verurteilte mich zu sechs Monaten Haft, die ich aber nicht absitzen musste, weil ich der Abschiebung ins westliche Ausland zugestimmt hatte. Ein Jahr sollte ich außerhalb der DDR verbringen, danach konnte ich zurückkommen.

Doch als ich morgens am Grenzübergang Friedrichstraße in Berlin stand, meinen DDR-Pass zückte und sagte "Ich möchte hier rein", da sorgte das für massive Verwirrung. Der junge Soldat, der mir gegenüberstand, war total konsterniert. Er starrte auf meinen Pass, dann auf seinen Computer, telefonierte, dann kam ein Vorgesetzter, schließlich ein zweiter. Hinter mir stauten sich die Rentner, die es eigentlich gewohnt waren, ohne Probleme über die Grenze zu kommen. Als sie anfingen zu murren, drehte ich mich um und sagte: "Meine Papiere sind in Ordnung, trotzdem wollen die mich nicht reinlassen." Und irgendwie rief ein ganzer Rentner-Chor, man solle mich doch endlich durchlassen. Irgendwann wurden die Polizisten nervös, man knallte mir meinen Pass hin und einer sagte hektisch: "Gehen Sie, gehen Sie!"

Auf der anderen Seite der eisernen Tür bekam ich erst einmal eine Panikattacke. Das sah aus wie DDR, das roch wie DDR. Und ich konnte nur denken: "Jetzt bist du hier freiwillig wieder zurückgegangen. Die lassen dich doch nie wieder raus." Doch ich hatte ein Anliegen, das wichtiger war als alles andere: Ich wollte meinen Sohn und seine Mitschüler der Carl-von-Ossietzky-Schule in Pankow rehabilitieren. Sie waren etwa ein halbes Jahr nach meiner Abschiebung der Schule verwiesen worden, weil sie sich an einer Wandzeitung gegen Neonazis in der DDR und die Militarisierung ausgesprochen hatten. Nach der Ermutigung ihres Direktors übrigens, der angekündigt hatte, Glasnost und Perestroika auch an seiner Schule umsetzen zu wollen. Doch als Philipp und seine Freunde das ernst nahmen, wurden sie wegen "pazifistischer Plattformbildung" relegiert. Als ich zurückkam, wollte ich im Volksbildungsministerium die Rehabilitation der Schüler erreichen.

Verwüstete Wohnung

Aber zunächst verbrachte ich fast den ganzen Tag auf einem Präsidium der Volkspolizei am Alexanderplatz, um mein Wiederausreise-Visum zu bekommen - diese Sicherheit, ohne Probleme wieder aus der DDR herauszukommen, wollte ich mir schaffen. Als ich dann nach fast zwei Jahren zum ersten Mal wieder meine Wohnung betrat, fand ich meine Sachen komplett verwüstet vor. Die Zeit, in der ich auf dem Revier gewesen war, hatte man offenbar genutzt, um mir klarzumachen, wie unerwünscht ich in diesem Land war.

Am Abend habe ich mich dann mit einer Freundin zum Essen getroffen, dabei schauten wir uns im Fernsehen die berühmte Pressekonferenz von Günter Schabowski an. Danach brachen wir auf zu Christa Wolf, meiner Nachbarin in Pankow. Wir wollten sie fragen, ob sie sich nicht vorstellen könne, als Präsidentin zu kandidieren - im Grunde ein völlig absurder Gedanke, der uns aber ernst war. Die Zeiten waren so. Sie ließ uns aber über ihren Mann ausrichten, dass sie sich das nach einem Herzanfall nicht zutrauen würde.

Und dann kamen uns zwei Männer tanzend entgegen und riefen, die Grenze auf der Bornholmer Straße sei offen. Der Grenzübergang war 800 Meter von uns entfernt und wir liefen natürlich dorthin. Dort standen Grenzsoldaten, völlig verunsichert mit dem Rücken zur Wand und mit Blumen bedeckt: Sie steckten in den Knopflöchern der Uniformen, unter den Achselklappen und unter den Kordeln ihrer Käppis. Ich habe den ranghöchsten Offizier gefragt, wie er sich denn jetzt fühlen würde, habe aber keine Antwort bekommen.

Surreale Situation

Als wir dann auf der anderen Seite, in West-Berlin, waren, standen wir an einer Bushaltestelle. Ein völlig verwirrter Busfahrer fragte uns, wo wir denn alle herkämen - und als wir es ihm erzählten, da sagte er, wir sollten einsteigen und machte mit uns eine spontane Sightseeing-Tour abseits seiner Route durch West-Berlin. Die ganze Situation war total surreal. Mein erster Gedanke war: "Jetzt hast du den ganzen Tag auf ein Ausreisevisum gewartet und nun brauchst du es gar nicht." Aber es war uns ja gar nicht klar, wie es nun weitergehen würde. Als ich nach dieser Nacht an der Heinrich-Heine-Straße wieder zurück in die DDR wollte, standen dort mit Maschinenpistolen bewaffnete Soldaten Spalier - und ich hab mich gefragt, ob sie die Grenze doch wieder schließen würden. Allerdings wurde uns schnell klar, dass das nicht passieren würde - als die Grenze nach 24 Stunden immer noch offen war, war ich davon überzeugt, dass sie es auch bleiben würde.

Heute fahre ich oft mit dem Fahrrad von Pankow zum Prenzlauer Berg. Und wenn ich dann den Mauerweg entlang radle, denke ich: "Wie schön!" Die Freude über die Maueröffnung ist immer noch tief in mir drin.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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