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Zeitzeugin
Einige hatten richtige persönliche Zusammenbrüche

KÄTE NIEDERKIRCHNER Die langjährige Volkskammer-Abgeordnete wurde nach der Wende zur Abwicklerin von SED und Politbüro

Ich war 23 Jahre lang Mitglied der Volkskammer. Wir waren damals keine Berufspolitiker, wir hatten alle neben dem Mandat noch unsere Arbeit. Und wir durften uns nur wählen lassen, wenn unsere Kollegen zustimmten - die mussten nämlich in der Zeit, in der wir politisch unterwegs waren, unsere Aufgaben mit erledigen. Deshalb mussten die vorher sagen, ob sie dazu bereit waren.

Für mich war die politische Arbeit eine ganz spannende Aufgabe. Als ich 23 Jahre alt war, wurde ich die jüngste Abgeordnete in der Volkskammer. Dort blieb ich 25 Jahre lang, zum Schluss habe ich als Vizepräsidentin der letzten DDR-Volkskammer den Einigungsvertrag mit vorbereitet.

Mir ging es tatsächlich darum, die Welt ein bisschen schöner zu machen. Als Ärztin wusste ich genau, wo es vor Ort Probleme gab. Und dann habe ich mich daran gemacht, sie zu lösen. Wir Volkskammer-Abgeordneten haben nicht nur gequatscht, wir haben was bewegt. Zum Beispiel konnten wir in der Charité bestimmte Operationen bei Kindern nicht machen, weil uns einfach Schwestern fehlten. Und die fehlten, weil man ihnen keine Wohnungen zur Verfügung stellen konnte. Ich bin dann von einem Verantwortlichen zum anderen gelaufen und habe immer wieder gesagt, wie viele Kinder sterben mussten, weil wir sie nicht operieren konnten - und irgendwann war das an den richtigen Stellen angekommen und das Politbüro beschloss einen Neubau der Charité, zu dem auch Personalwohnungen gehörten. Es ging also, wenn man wusste, wie.

Ohne Verbitterung

Wenn ich mir die Politik heute ansehe, muss ich sagen: Die Abgeordneten haben ein Rederecht, aber es ist schwierig, unmittelbaren Einfluss zu nehmen. Das war bei uns anders. Und das war auch der Grund dafür, dass ich nach der Wende nicht in den Bundestag wollte, sondern mich als Ärztin niedergelassen habe. An der Klinik hatte ich als ehemalige Volkskammer-Abgeordnete ja faktisch Berufsverbot; man hat mir gesagt, dass jemand mit meiner politischen Karriere keine Kinder behandeln dürfe. Trotzdem blicke ich auf die Wendezeit nicht verbittert zurück. Aber ich habe vielleicht mehr Verständnis dafür als andere, wie schwierig die Veränderungen damals für viele Menschen waren. Als Erich Mielke am 13. November 1989 in der Volkskammer diesen berühmten Satz sagte, er liebe doch alle Menschen und es dann Gelächter gab, blieb mir fast das Herz stehen vor Schreck über diese Farce. Spätestens in diesem Moment war allen klar, dass die SED es nicht mehr schaffen würde, das Land zu verändern.

Jeden Einzelnen angerufen

Und so bin ich letztlich zur Abwicklerin der Partei geworden. In der Volkskammer war es meine Aufgabe, den alten Männern aus dem Politbüro zu sagen, dass sie künftig nicht mehr an den Sitzungen des Parlaments teilnehmen sollten. Wir hatten ja zunächst einmal monatlich getagt, in der Phase des Umbruchs kamen wir wöchentlich und schließlich fast jeden zweiten Tag zusammen. Und wenn wir darüber reden wollten, wie es weitergehen sollte und wie man im Land wirklich einen demokratischen Veränderungsprozess zustande bringen könnte, dann wäre das nicht gegangen, wenn Erich Mielke, Alfred Neumann und andere mit im Raum gewesen wären. Weil ich Kinderärztin war, dachten meine Kollegen in der Volkskammer offenbar, dass ich mit solchen Fällen umgehen konnte. Und so war es dann auch. Ich habe jeden einzelnen angerufen und gesagt, dass sie nicht mehr kommen sollen. Und sie kamen dann auch nicht mehr, auch wenn ich nicht das Gefühl hatte, dass sie verstanden haben, warum. Aber ich konnte das verstehen: Da fanden Veränderungen statt, die diese Männer nicht wollten und die sie nicht nachvollziehen konnten. Das hat ihnen Angst gemacht, das hätte jedem Menschen Angst gemacht. Einige hatten da richtige persönliche Zusammenbrüche und ich habe mich bemüht, in dieser Situation Menschlichkeit und Würde zu bewahren.

Ich bin in dieser Zeit damals voller Hoffnung gewesen. Aber ich war schnell ernüchtert, als ich gesehen habe, dass wir Volkskammer-Abgeordneten im Grunde diskutieren konnten, was wir wollten - die richtigen Entscheidungen aber wurden in den Hinterzimmern von den Beamten der Regierungen getroffen. Deshalb bin ich froh, dass ich heute nicht mehr als Politikerin an der Politik teilnehme, sondern wie auch früher mit der praktischen Arbeit als Ärztin.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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