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Zeitzeugin
Das war ein unglaublicher Sieg

ANGELIKA BARBE Als Gründungsmitglied der SDP am Zentralen Runden Tisch

Ich habe mich in den 1980er Jahren in verschiedenen oppositionellen Gruppen in Ost-Berlin engagiert und dann zu den Gründungsmitgliedern der SDP in der DDR gehört. Als Vorstandsmitglied der SDP arbeitete ich zeitweise am Zentralen Runden Tisch mit. Zum ersten Mal trafen wir uns am 7. Dezember 1989. Wir gingen an die Arbeit mit dem gemeinsamen Ziel: die Herrschaft der SED zu brechen sowie freie und geheime Wahlen in der DDR zu organisieren.

Wir hatten auf jeder Seite des Runden Tisches erst 15, später 19 Stimmen: wir, die Vertreter von insgesamt sieben Oppositionsgruppen, und auf der anderen Seite die SED und ihre Blockparteien. Dass die Herrschenden, die uns jahrelang als "feindlich negativ" diffamiert, verfolgt und bespitzelt hatten, nun mit uns an einem Tisch saßen und über die Zukunft der DDR verhandelten, war der erste große Erfolg. Vorher war es verboten, Parteien oder Vereine zu gründen, eigenständige politische Arbeit zu leisten, die nicht unter der Kontrolle der "führenden Partei" SED stand. Wir wurden ständig überwacht. Dass wir es gewagt hatten, der SED die Machtfrage zu stellen, war ein unglaublicher Sieg. Dabei war uns immer klar: Ohne die riesige Beteiligung der Bevölkerung an den Demonstrationen wäre es niemals gelungen. Das hat mich sehr beeindruckt und uns am Runden Tisch ermutigt.

17 Ausschüsse

Dort wollten wir erst einmal herausfinden, wie es überhaupt um die DDR stand. Wir waren kein Ersatzparlament, immerhin hatte uns niemand gewählt. Aber wir begriffen uns als Kontrollorgan, um der Regierung auf die Finger zu schauen. Dafür haben wir 17 Ausschüsse gegründet, die sich mit verschiedenen Themenbereichen befassten. Wir wussten ja nichts: In der DDR wurde nur gelogen - die Presse verkündete stets "Erfolge". Wie es um den Zustand der Umwelt oder der Staatsfinanzen bestellt war, wurde öffentlich nicht diskutiert. Ich erlebte bei Verwandten und Bekannten, dass es massive Probleme im Gesundheitswesen gab. Eine Ärztin berichtete mir verzweifelt, dass sie jeden Tag entscheiden müsse, ob sie einen 18-Jährigen oder eine 67-Jährige operieren könne. Für beide gab es einfach nicht genug Verbandmaterial, Medikamente, Medizintechnik, Operationsmöglichkeiten. Das wurde nach außen immer vertuscht. Vieles von dem, was wir am Runden Tisch zu Tage förderten, hat mich trotzdem entsetzt, obwohl ich ahnte, dass vieles im Argen lag.

Auflösung der Stasi

Um der SED die Allmacht zu nehmen, ging es für uns um den dringendsten Punkt. Wir beschlossen die Auflösung der Staatssicherheit. Die Stasi war entscheidend für das Gewaltmonopol der SED. Es macht mich heute noch wütend, dass Modrow unseren Beschluss ignorierte. Er nannte die Stasi einfach um in "Amt für Nationale Sicherheit" (AfNS) und ließ das MfS bei der Aktenvernichtung gewähren. Die Bürgerrechtler und Bürgerkomitees wollten das nicht mehr hinnehmen und stürmten bereits Anfang Dezember 1989 in Leipzig, Gera, Erfurt und Dresden die Stasi-Zentralen - gewaltlos. Ich habe selbst im Januar 1990 in Berlin-Schöneweide eine Stasi-Telefonüberwachungszentrale mit aufgelöst. Mit zitternden Knien forderten wir von den bewaffneten Stasi-Mitarbeitern, uns die Schlüssel zu übergeben, bis der Staatsanwalt eintreffen würde.

Es ging mir auch darum, den Einfluss Margot Honeckers auf das Bildungswesen so schnell wie möglich zu beenden. Das "einheitliche sozialistische Bildungssystem", das sie als Ministerin für Volksbildung verantwortete, durfte keinesfalls fortgesetzt werden. Wir wollten die furchtbaren Spezialkinderheime auflösen und Chancengleichheit für alle Kinder schaffen.Wir wollten Schluss machen mit der systematischen Bestrafung und Ausgrenzung von Kindern, die einer christlichen Religion angehörten, nicht zur Arbeiter-und Bauernklasse gezählt wurden oder "feindlich-negative" Eltern hatten.

Ich war davon überzeugt, dass der Runde Tisch sich selbst überflüssig machen sollte - eben weil wir nicht demokratisch legitimiert waren. Dass wir uns dann doch der "Regierung der nationalen Verantwortung" anschlossen und auch Vertreter der oppositionellen Gruppen zu Ministern ohne Geschäftsbereich wurden, hat mich geschmerzt. Aber das musste ich als Demokratin akzeptieren.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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