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Sören Christian Reimer
»Eindrucksvoll und ergreifend«

Installation »Dem Deutschen Volke«

Weil es der touristische Zufall so will, landet Jaroslava Burgrova an diesem regnerischen Sommerabend an der Spree. Eigentlich war die Lehrerin aus Prag nach einer langen Entdeckungstour durch Berlins Mitte schon auf dem Heimweg zu ihrer im Stadtteil Pankow lebenden Tochter Helena. Doch nun sitzt die Tschechin, geschützt von einem Regenschirm, auf den Stufen am Reichstagsufer und bekommt im Schnelldurchlauf deutsche Politikgeschichte erklärt. „Das ist wirklich spannend, der Regen macht mir gar nichts“, sagt Burgrova.

„Dem Deutschen Volke — Eine parlamentarische Spurensuche. Vom Reichstag zum Bundestag“ lautet der Titel der Multimedia-Installation, die auch in diesem Jahr wieder im Parlamentsviertel zu sehen ist. In knapp 30 Minuten werden mit historischen Bildern und Redeausschnitten, untermalt von Musik und aufwendiger Lichttechnik, 130 Jahre deutsche Parlamentshistorie beleuchtet. Diese beginnt mit den zaghaften Anfängen des Reichstags im Kaiserreich und dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges. Die erste Demokratie der Weimarer Republik scheitert dann kläglich und ebnet den Weg für Hitler und die Nationalsozialisten; es folgen die zwölf dunkelsten Jahre der deutschen Geschichte. Der Hauptteil der Präsentation konzentriert sich auf die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg und stellt die Entwicklungen in Ost- und Westdeutschland dar. Während in der Bonner Republik die Demokratie nun Fuß fassen kann, werden in der DDR freiheitliche Bestrebungen blutig unterdrückt.

Zu dieser Epoche der deutsch-deutschen Geschichte hat Jaroslava Burgrova eine besondere Beziehung. Als junge Frau besuchte sie häufig Ost-Berlin. „Das war damals eine tolle Erfahrung“, berichtet die Tschechin. Aber der Weg nach Westen war versperrt. „Wir konnten die Hochhäuser nur aus der Entfernung sehen“, sagt Burgrova. Einige Jahrzehnte später sitzt sie nun genau dort, wo einst die Mauer die Stadt teilte, und blickt auf die Bilder, die das Ende der kommunistischen Herrschaft über Ost- und Mitteleuropa dokumentieren: Die Besetzung der westdeutschen Botschaft durch Bürger der DDR in ihrer Heimatstadt Prag, die großen Montagsdemonstrationen in Leipzig, die legendäre Pressekonferenz mit Günter Schabowski und schließlich der Fall der Mauer und die Feierlichkeiten am Tag der Deutschen Einheit.

Den Zuschauern wird dabei nicht nur ein einfacher Film geboten: Fünf Projektionsflächen zwischen 21 und 300 Quadratmetern werden genutzt, die Architektur des Marie-Elisabeth-Lüders-Hauses wird als Teil der Inszenierung herangezogen, der Sound beschallt fast das ganze Parlamentsviertel. Über 68.000 Besucher haben sich seit 23. Juni bereits die Vorführung angeguckt. Max Priem, der in Berlin Volkswirtschaft studiert, ist begeistert von der Darbietung. „Die Melange aus Geschichte, Macht und Kunst ist etwas Einmaliges“, sagt Priem. „Die Großbildprojektion ist sehr eindrucksvoll und ergreifend.“

Ein Besuch der multimedialen Installation ist noch bis zum 3. Oktober möglich. Beginn ist bei Einbruch der Dunkelheit. Jeden Abend wird der Film zwei Mal hintereinander gezeigt. Der Zuschauerbereich liegt nördlich des Friedrich-Ebert-Platze. Die Vorführung ist kostenlos.

Sören Christian Reimer

Aus Politik und Zeitgeschichte

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