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ATOMMÜLL
Dagmar Dehmer
Die Zukunft strahlt mit Sicherheit

Schwierige Suche nach einem Endlager für radioaktive Abfälle

Ein Jahrhundertproblem ist ziemlich trivial im Vergleich zu einer Erbschaft des unbekümmerten Atomzeitalters, die bis zu einer Million Jahre noch strahlen und Schaden anrichten kann. Einen sicheren Umgang mit dem hochradioaktiven Atommüll zu finden, ist überall eine anspruchsvolle Aufgabe. Es gibt kein Land, das sich mit der Lösung, wie die strahlenden Hinterlassenschaften verwahrt werden sollen, leicht tut. Als erstes Land wird wohl Finnland über ein Atomendlager verfügen, zumindest sind die Planungen dort schon weit fortgeschritten. Dort soll der Müll in Granit eingelagert werden, in besonders stabilen Behältern, die allerdings erst noch erfunden werden müssen. Schweden hat zumindest schon mal einen Standort. Dort haben sich mehrere Kommunen darum gerissen, Endlagerstandort zu werden. Die Kompensation dafür ist attraktiv und die Hoffnung auf Jobs offenbar groß. In der Schweiz wird gerade in einem aufwändigen Standortsuchverfahren nach dem bestmöglichen Endlager gesucht. Und Deutschland versucht gerade seine zweite Chance, ein Endlager zu finden, nicht zu verspielen.

Aktuell diskutiert eine Endlagerkommission (siehe Beitrag unten) über die Grundsatzfragen der Entsorgung. Denn ein Endlagerkonsens ist mit der bisher vor allem parlamentarischen Einigung auf ein Standortsuchgesetz nicht vom Himmel gefallen. Einigkeit gibt es nur in einer Frage: Der in Deutschland produzierte Atommüll soll auch hier entsorgt werden. Doch auch hier kann sich der Wind noch drehen, sollte es im zweiten Anlauf nicht gelingen, ein weitgehend akzeptables Endlager in Deutschland zu finden. Russland hat mehrfach angeboten, auch Atommüll aus dem Ausland zu lagern. Allerdings unter Bedingungen, die mit dem deutschen Sicherheitsempfinden nicht in Einklang zu bringen wären.

Offene Fragen Doch auch bei der Suche nach einem Endlager in Deutschland gibt es mehr Fragen als Antworten. Die Erfahrungen mit dem Skandal-Endlager Asse haben viele skeptisch werden lassen. Dort wurde zunächst bei der Forschung angefallener Atommüll, später auch radioaktiver Abfall aus Atomkraftwerken eingelagert, obwohl die zwei benachbarten Kalisalz-Bergwerke bereits abgesoffen waren. Da die Asse trotz inzwischen eingeleiteter Sicherungsbauten nur über einen begrenzten Zeitraum standsicher bleiben dürfte, ist entschieden worden, die Bergung der radioaktiven Abfälle zu versuchen. Ein technisch und ethisch riskantes Unternehmen. Niemand weiß, in welchem Zustand die Atommüllfässer sind, die in der Asse im „Abkippverfahren“ eingelagert worden sind. Und sie sind auch nicht leicht zu finden, wie Probebohrungen ergeben haben, die mehr Aufschluss über den Zustand der Stoffe bringen sollten. Die ehemaligen Einlagerungshallen sind inzwischen abgesackt und schwer lokalisierbar.

Die Anwohner wollen, dass der Müll rausgeholt wird, besser heute als morgen. Aber werden damit nicht Betriebspersonal und womöglich auch Anwohner unnötigen Strahlenrisiken ausgesetzt? Auch diese Frage muss beantwortet werden. Kann der Müll nicht wieder herausgeholt werden, bliebe dem Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) als Betreiber nicht viel anderes übrig, als ein für die Endlagerung komplett ungeeignetes ausgebeutetes Salzbergwerk nachträglich irgendwie so zu sichern, dass von den dort gelagerten schwach- und mittelradioaktiven Stoffen möglichst wenig Gefahren für die Umgebung ausgehen – und das über einen Zeitraum von hunderttausenden Jahren. Das eine wie das andere ist schwierig, wenn nicht unmöglich.

Die Asse hat die Bedenken, ob es überhaupt möglich ist, Atommüll über eine sehr lange Zeit sicher zu lagern, noch verstärkt. Deshalb fordern sowohl Fachleute als auch Umweltschützer immer öfter, den Atommüll rückholbar zu lagern. Die Fachleute, weil sie hoffen, doch noch geniale Verfahren zu finden, mit denen der Atommüll weniger schädlich gemacht werden kann. Der Traum hört auf den Namen „Transmutation“. Die Umweltschützer sind eher von der Panik getrieben, dass wieder ein Sparmodell gefahren wird und womöglich wieder völlig unkritisch dem Rat einiger Experten vertraut wird, die von sich völlig überzeugt sind und Mindermeinungen für Ansichten von Spinnern halten. So war das bei der Asse. Und dieses Salzbergwerk thront als Mahnmal für missglückte Entsorgung über jedem Versuch, das Problem zu lösen. Wer den Müll womöglich zurückholen will, hält eine oberflächennahe Langzeitsicherung für die richtige Lösung oder lässt sich womöglich auf eine Tiefenlagerung ein, bei der die Lagerbehälter weiterhin zugänglich bleiben.

Proliferationsrisiko Wolfram König, Chef des Bundesamtes für Strahlenschutz, gehört nicht dazu: „Asse zeigt, dass wir uns und folgende Generationen mit der Erwartung, sie würden die Probleme schon lösen können, überfordern“, resümierte er schon vor Jahren. Dazu komme noch das Proliferationsrisiko. „Wir leben in einer Welt, in der es viele Akteure gibt, die kernwaffenfähiges Material in ihre Hände bekommen wollen.“ König gab zudem zu bedenken, dass es auch keine Garantie gebe, „dass unser politisches System stabil bleibt“. Sein Fazit: „Eine rückholbare Lagerung – ich nenne sie Langzeitzwischenlagerung – ist zudem mit erheblichen Abstrichen bei den Sicherheitsanforderungen verbunden.“ Der BfS-Chef plädiert für eine „Bergbarkeit“ der Abfälle, falls sich die geologischen Verhältnisse dramatisch ändern oder andere Gründe auftauchen, die es notwendig erscheinen lassen, den Atommüll wieder an die Oberfläche zu holen: „Wenn es einen Erkenntnisgewinn in der Zukunft geben sollte, dass der von uns eingeschlagene Weg nicht mehr verantwortbar erscheint, Atommüll in tiefen geologischen Schichten abgeschlossen zu lagern, dann sollte man den Atommüll bergen können. Dafür müssen die Behälter so beschaffen sein, dass sie mindestens 500 Jahre intakt bleiben“.

Ein Blick in die Geschichte macht plausibel, warum König ein abgeschlossenes – in der Fachsprache „wartungsfreies“ – Tiefenendlager für die sicherste Lösung hält. Denn nur 1.000 Jahre vor unserer Zeit waren die Lebensverhältnisse auf der Erde so dramatisch anders als heute, dass einem vor einer Zukunft mit oberirdischen Atomendlagern Angst und Bange werden kann. Wer ein wartungsfreies Tiefenendlager will, muss indes sagen, in welchem Gestein das möglich ist: Salz, Granit oder Ton?

Um tatsächlich ein Endlager zu finden, hält Michael Sailer, Sprecher der Geschäftsführung des Öko-Instituts, die „Interaktion mit der Öffentlichkeit“ für entscheidend. Dabei gehe es nicht nur darum, die „Profis“ aus den Bürgerinitiativen in die Debatte einzubeziehen, sondern „die ein bis drei Prozent der Bevölkerung, die für das Thema ansprechbar sind oder von möglichen Standorten betroffen sein könnten“. Dazu gehört aus seiner Sicht auch eine neue „Kultur der Transparenz“, Prozesse, „in die jeder reingucken kann“.

Das zweite entscheidende Thema sind für Sailer die Sicherheitsanforderungen an ein Endlager für hochradioaktiven Atommüll. „Wie sichere ich den Umgang mit Unsicherheiten“ laute die entscheidende Frage. Womöglich gebe es ja „in 40 Jahren die Transmutation“, gibt er zu bedenken. Unter Transmutation werden Verfahren verstanden, wie hochradioaktive Stoffe über chemische Prozesse in weniger gefährliche Stoffe verwandelt werden könnten. Bisher gibt es Transmutation allerdings lediglich als Überlegung. Und da „dafür Atomkraftwerke und Wiederaufarbeitungsanlagen gebraucht werden“, wie Sailer sagt, glaube er auch nicht, dass es die Transmutation tatsächlich in 40 Jahren geben wird. Aber Wissenschaft und technische Entwicklungen stünden nie still. Auch in einem langwierigen Planungs- und Genehmigungsverfahren und anschließenden Betrieb müsse sichergestellt werden, dass der Stand von Wissenschaft und Technik immer wieder neu berücksichtigt werden könne.

Sailer schweben deshalb regelmäßige Überprüfungsprozesse alle fünf oder zehn Jahre vor, „um zu sehen, ob man mit dem gewählten Verfahren noch auf dem richtigen Weg ist“. Dafür solle die Endlagerung aber nicht „gestoppt werden“. Der Entria-Atomforschungsverbund bezeichnet ein solches Vorgehen in seinem aktuellen Memorandum zur Endlagerung als „Reversibilität“, vor 20 Jahren wurde das als „Fehlerfreundlichkeit“ diskutiert. Gemeint ist: Handeln ja, aber so, dass klügere folgende Generationen dieses Handeln auch noch beeinflussen könnten, wenn sie wollen.

Wichtig ist Sailer zudem aus den eher schlechten Erfahrungen bisheriger Endlagerprojekte, sicherzustellen, „dass Minderheitsmeinungen gehört werden“ und „in den Prozess integriert werden“. Denn es könnte sich im Verlauf des Prozesses ja herausstellen, dass sie doch Recht haben.

Der Atomexperte erhofft sich einen Teil dieser kontroversen Fachdiskussion aus der neuen Behördenstruktur mit dem BfS auf der einen Seite und einem neuen Bundesamt für Endlagerung auf der anderen Seite. Dieses neue Amt wird indes in relevanten Gruppen der Bevölkerung leidenschaftlich abgelehnt, weil vermutet wird, dass es lediglich das BfS unter Kontrolle halten soll.

»Abfall« statt »Müll« Wie weit die Lager noch davon entfernt sind, ihre zweite Chance zu nutzen, zeigt ein Mini-Disput über den Sprachgebrauch in der zweiten Sitzung der Endlagerkommission. Da bat sich Bruno Thomauske einen „pfleglicheren Umgang“ mit dem Atommüll aus. Es sei nämlich „Abfall“, belehrte er den Vorsitzenden Michael Müller (SPD). Thomauske hat im BfS jahrelang die sogenannte Erkundung des umstrittenen Salzstocks in Gorleben verantwortet, ehe er die Atomsparte von Vattenfall leitete, bis im Atomkraftwerk Krümmel ein Transformator durchbrannte. Inzwischen ist er Professor an der Technischen Hochschule in Aachen. „Abfall“ klingt harmloser und steht in der Tradition des Begriffs „Kernkraft“, einer sprachlichen Verniedlichung der Atomkraft. Doch solche sprachlichen Tricks haben seit dem „Entsorgungspark“, der einmal in Gorleben geplant war, nie funktioniert. Dagmar Dehmer

Die Autorin ist Politikredakteurin des Berliner „Tagesspiegel“.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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