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KOHLE
Julian Burgert
Noch nicht ersetzbar

Obwohl klimaschädlichster fossiler Energieträger, ist Kohle dank großer Vorräte und niedriger Preise bislang nicht zu ersetzen. Die Opposition fordert aber den Ausstieg aus der Kohle

Für die letzten zwei Jahrhunderte war Kohle der Treibstoff der wirtschaftlichen Entwicklung. Ohne diesen Energieträger wäre die industrielle Revolution, die das bisherige Gesellschafts- und Wirtschaftssystem vollständig veränderte, nicht möglich gewesen. Der Kohlebergbau prägte ganze Landstriche, zum Teil bis heute. In Deutschland ist das besonders das Ruhrgebiet, das Saarland und Gegenden in Ostdeutschland wie die Lausitz. Seit Mitte des 20. Jahrhundert änderte sich das jedoch: Erdöl ersetzte Kohle als wichtigsten Energieträger. Der Bergbau unter Tage wurde unrentabel und zu teuer. Hinzu kam die Erkenntnis, dass der massive Ausstoß des Treibhausgases CO2, welches beim Verbrennen von Kohle besonders stark austritt, klimaschädliche Auswirkungen hat. Trotzdem ist Kohle prozentual immer noch der wichtigste einheimische Energierohstoff in Deutschland. Dank des großen Angebotes, eines niedrigen Preises und der Notwendigkeit einer wetterunabhängigen Grundversorgung wird sich daran auch trotz Energiewende mittelfristig nichts ändern.

Großes Potenzial Obwohl Erdöl heute unbestritten der bedeutendste Energierohstoff ist, nimmt die weltweite Nachfrage nach Kohle in absoluten Zahlen weiterhin zu. Nach der Energiestudie 2013 der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) wurden 2012 insgesamt 7,9 Milliarden Tonnen gefördert. Das entspricht einer Zunahme von drei Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Laut BGR ist Kohle mit einem Anteil von knapp 30 Prozent am weltweiten Energieverbrauch der zweitwichtigste Energielieferant. Die weltweiten Reserven an Kohle decken aus geologischer Sicht den erkennbaren Bedarf für viele Jahrzehnte, Kohle verfügt demnach über das „größte Potenzial bei den nicht erneuerbaren Energierohstoffen“, so heißt es in dem Bericht. Die größten Vorräte liegen in den USA, danach folgen China, Indien und Russland. Das Reich der Mitte ist der größte Produzent und Abnehmer für das schwarze Gestein. Gleichzeitig sind die Preise niedrig, da die USA verstärkt durch Fracking gewonnenes Erdgas verwenden (siehe Artikel unten) und ein Überangebot an Kohle auf dem Weltmarkt herrscht.

Stein- und Braunkohle Weltweit wird Kohle hauptsächlich für die Stromproduktion eingesetzt. Das ist in Deutschland trotz vieler Windkraft- und Solaranlagen nicht anders. Laut Angaben des Bundeswirtschaftsministeriums (BMWi) erfolgt die Stromerzeugung in Deutschland zu 45 Prozent aus Kohle, davon 25 Prozent Braunkohle und 20 Prozent Steinkohle. Die Unterscheidung zwischen Stein- und Braunkohle ist wichtig, da es große Unterschiede bei der Versorgungslage, dem Preis und den Eigenschaften, wie beispielsweise dem Brennwert, der zwei Kohlearten gibt. Nach Angaben des Vereins „Statistik der Kohlenwirtschaft“ wurden in Deutschland im Jahr 2013 insgesamt 60,7 Millionen Tonnen Steinkohle verbraucht, davon wurden 7,6 Millionen Tonnen im eigenen Land gefördert. Laut dem Bundesverband Steinkohle stammt die Differenz zum größten Teil aus Russland. Die einheimische Produktion geht schon seit Jahren zurück, so wurden 2005 noch 24,7 Millionen Tonnen Steinkohle in Deutschland gefördert. Grund dafür sind die hohen Produktionskosten, da die Kohle teuer unter Tage abgebaut werden muss und nicht mit den Preisen auf dem Weltmarkt mithalten kann. Seit den 1960er-Jahren wird der Steinkohlebergbau deshalb von der Bundesregierung und der nordrhein-westfälischen Landesregierung mit Steuermitteln unterstützt. Auf Druck der EU laufen diese Zahlungen aber 2018 aus, 2007 einigte man sich auf den Ausstieg aus der Subventionierung. Bis dahin sind laut dem Steinkohlefinanzierungsgesetz“ allerdings noch weitere Subventionen in Höhe von 13,9 Milliarden Euro vorgesehen. In vier Jahren aber werden die drei letzten sich derzeit noch im Betrieb befindlichen Steinkohlebergwerke – alle in Nordrhein-Westfalen – ihren Betrieb einstellen. Laut dem Bundesverband Steinkohle endet damit auch der unsubventionierte Steinkohleabbau in Deutschland, danach müsse die gesamte Steinkohle importiert werden.

Ganz anders sieht hingegen die Situation bei der Braunkohle aus. Hier ist Deutschland laut BGR Selbstversorger und größter Braunkohleproduzent der Erde, obwohl es nur 14,4 Prozent der weltweit förderfähigen Reserven beherbergt. Die weltweit größten Braunkohlereserven liegen in Russland. In Deutschland würden die Vorräte nach Angaben der BGR bei konstanter Förderung noch für mehr als 200 Jahre reichen. Auch deshalb stuft das BMWi Braunkohle auf seiner Webseite als „wichtigsten einheimischen Energierohstoff“ ein.

Laut Angaben der Bundesverband Braunkohle (DEBRIV) wurden 2013 in Deutschland 183 Millionen Tonnen Braunkohle gefördert, die meiste davon im Rheinland, gefolgt von der Lausitz und dem Kohlerevier Mitteldeutschland. Der größte Vorteil der Braunkohle ist ihr Preis, sie kann mit riesengroßen Baggern billig im Tagebau gefördert werden. Ebenso von Bedeutung ist, dass der Preis der Verschmutzungszertifikate an der Strombörse EEX in Leipzig auf einem niedrigen Stand ist. Diese Zertifikate erlauben den Kraftwerksbetreibern, eine bestimmte Menge an CO2 freizusetzen. Dadurch greifen die deutschen Stromproduzenten anstatt auf die teureren, aber klimafreundlicheren Gaskraftwerke verstärkt auf die emissionsstarken Kohlekraftwerke zurück, um die geforderte Grundversorgung an Strom zu gewährleisten. Nach Angaben der Arbeitsgemeinschaft Energiebilanzen produzierten alle Braunkohlekraftwerke 2013 zusammen 161 Milliarden Kilowattstunden Strom.

Große Umweltschäden Durch die hohe Nachfrage nach Kohle verstößt die Bundesrepublik aber gegen eines der Ziele der Energiewende, nämlich höhere Umweltverträglichkeit der Stromproduktion. Beim Verbrennen des Gesteins wird nämlich sehr viel Kohlendioxid freigesetzt, die größte Menge bei allen fossilen Energieträgern. Pro Kilowattstunde erzeugten Stroms werden 20- bis 100-mal mehr Treibhausgase emissiert als bei den erneuerbaren Energieträgern, wobei Braunkohle noch einmal klimaschädlicher ist als Steinkohle. Laut dem Bundesumweltamt ist die Kohlestromproduktion in Deutschland für rund ein Drittel aller CO2-Emissionen verantwortlich. Mit der „Carbon-Capture-and-Storage“-Methode (CCS) könnte das entstandene Kohlenstoffdioxid abgefangen und unterirdisch gelagert werden, eine nach Sicht der Kohleindustrie gute Möglichkeit, den CO2-Ausstoß zu senken. Bislang hat sich diese Methode in Deutschland jedoch noch nicht durchgesetzt, auch aufgrund von Protesten der Bevölkerung. Hinzu kommen die geologischen Folgen des Bergbaus: absinkende Straßen und Häuser, ehemalige Stollen, die kontinuierlich vom Grundwasser leer gepumpt werden müssen, und zerstörte Felder, die mühsam und nicht immer erfolgreich aufgeforstet und rekultiviert werden.

Aus diesen Gründen will die Opposition inzwischen auch einen Ausstieg aus der Kohle. Die Kohleverstromung sei nicht mit den Klimaschutzzielen und den Anforderungen eines flexiblen und umweltverträglichen Energieversorgungssystem vereinbar, heißt zum Beispiel in einem Antrag der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen (18/1962). Die Linke fordert in ihrem Antrag (18/1673), spätestens 2040 das letzte Kohlekraftwerk stillzulegen. Der energiepolitische Sprecher der Unionsfraktion, Joachim Pfeiffer, hingegen warnte vor einer „Austeigeritis“. Das Industrieland Deutschland könne es sich nicht leisten, gleichzeitig aus Kern- und Kohleenergie auszusteigen. Julian Burgert

Aus Politik und Zeitgeschichte

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