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E-Mobilität
Christoph Birnbaum
Kühne Vision für Deutschlands Straßen

In sechs Jahren soll es eine Million Elektrofahrzeuge geben. Bislang gibt es aber kaum Nachfrage nach den teuren »Stromern«

So künstlich wie ihre Namenskürzel sind, so selten sind sie noch auf deutschen Straßen zu sehen: Elektroautomobile wie der Opel Ampera, der VW E-Golf oder der kleinere VW-Eup!, die B-Klasse von Mercedes als EDrive oder der Smart Fortwo ED. Dabei sollen von ihnen, geht es nach der Bundesregierung, bereits in sechs Jahren rund eine Million auf den Straßen Deutschlands herumfahren. 2030 sollen es bereits sechs Millionen Stück sein. Eine kühne Vision!

Anspruchsvolles Ziel Denn wenig spricht dafür, dass das von der Bundesregierung im Koalitionsvertrag der Großen Koalition wiederholt genannte Ziel auch nur annähernd erreicht wird. Laut Kraftfahrtbundesamt (KBA) waren im Januar 2013 insgesamt 12.156 Autos mit Elektro- und 85.575 mit Hybridantrieb registriert. Eine Energiewende lässt sich mit ihnen kaum erzielen. Dabei strotzt der Koalitionsvertrag nur so vor Zuversicht wenn es dort heißt: „Deutschland soll weiterhin zum Leitmarkt und Leitanbieter für E-Mobilität gemacht werden.“

Doch weit ist das Automobilland Deutschland damit bisher noch nicht gekommen. Zwar nutzt Verkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) im neuen E-Dienstwagen BMW i3, für den auch Joschka Fischer gerne Werbung macht, mittlerweile innerhalb Berlins. Aber wenn er Termine außerhalb der Hauptstadt wahrnimmt, greift Dobrindt – so hat die Umwelthilfe ausgemacht – immer noch gerne auf Dienstwagen mit herkömmlichem Antrieb zurück.

Geringe Nachfrage So verwundert es nicht, dass die Nachfrage nach E-Mobilen in Deutschland immer noch mau ist. Nicht zuletzt deshalb, weil die „Stromer“ deutlich teurer als konventionelle Modelle sind. Die Bundesregierung räumt deshalb auch ein, dass man sich in einer „schwierigen Marktvorbereitungsphase“ befinde. Der Grund ist einfach: Die derzeit angebotenen Modelle sind zumeist deutlich teurer als vergleichbare Benziner oder Diesel und die Reichweite ihrer Akkus ist auch dann begrenzt, wenn Klimaanlage und Heizung nicht laufen und es nicht allzu viele Steigungen gibt. Zudem ist mit rund 4.000 derzeit installierten Ladestationen das Netz an E-Tankstellen republikweit mehr als überschaubar. Jede Reise durch die Bundesrepublik braucht deshalb immer noch großer logistischer Vorarbeiten, um nicht mit leeren Batterien liegen zu bleiben. Entscheidend ist deshalb auch, ob die Reichweite rein batteriebetriebener Antriebe wirksam auf 300 km bis 500 km erhöht werden könne. Die Steigerung der Leistungsfähigkeit der Speichertechnologie wird deshalb vom Staat durch gezielte Forschungsförderung unterstützt.

Überhaupt lässt die Bundesregierung keinen Zweifel daran, dass die Politik allein überfordert sei, den Stromern den nötigen Schub zu geben. Deshalb werde es auch keine Kaufprämien für den privaten Erwerb von „Stromern“ geben, sondern nutzerorientierte Anreize wie etwa eine Befreiung von der Kfz-Steuer. Zudem sind Verbesserungen bei der Dienstwagenbesteuerung geplant. Darüber hinaus haben Verkehrsminister Dobrindt und Umweltministerin Barbara Hendricks (SPD) einen gemeinsamen Entwurf eines Elektromobilitätsgesetzes zur Abstimmung an die anderen Ressorts verschickt. In Kraft treten soll das Gesetz im Februar 2015. Danach sollen Kommunen künftig die Möglichkeit erhalten, Parkplätze an Ladesäulen für Elektrofahrzeuge zu reservieren, kostenlose Parkplätze anzubieten, Ausnahmen von Zufahrtsbeschränkungen anzuordnen und Busspuren für gekennzeichnete Fahrzeuge zu öffnen. Die konkrete Entscheidung dafür liegt im Ermessen der kommunalen Straßenverkehrsbehörden.

Städte sperren sich Doch die sperren sich. In Hamburg, Berlin, München, Stuttgart und in den meisten Ruhrgebietsstädten bestehen, so hat eine Umfrage von dpa ergeben, größte Bedenken dagegen, weil eine Flut von Autos auf Busspuren die Vorteile des Öffentlichen Personennahverkehrs zunichtemachen könnte. Statt einseitig Elektroautos zu fördern, solle der Bund, so wird argumentiert, einen stärkeren Schwerpunkt auf die Elektrifizierung des ÖPNV legen. Dies könne helfen, CO2 sowie Feinstaub und Stickoxide einzusparen.

Dass andere Länder hier sehr viel weiter sind, gibt die Bundesregierung bedauernd zu: „Der japanische Markt ist zum jetzigen Zeitpunkt einer der hochentwickeltsten Märkte für Elektromobilität. Mit der frühen marktreifen Einführung der Hybridtechnologie gibt es dort eine lange Tradition innovativer Antriebe.“

Vorbild Norwegen Wie der Absatz von Stromern gesteigert werden kann macht zum Beispiel Norwegen vor: Dank großzügiger Förderung und Privilegien für Elektroautos verkauft sich dort etwa der Tesla S zur Zeit besser als der VW Golf. Die Nachfrage ist so hoch, dass für gebrauchte Teslas sogar mehr bezahlt wird als für neue – dank großzügiger Steuervergünstigungen und einem Wegfall von Mautgebühren. cb

Aus Politik und Zeitgeschichte

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