Inhalt

GEBÄUDESANIERUNG
Joachim Wille
Win-Win in deutschen Häusern

Mit dem Projekt »Hauswende« soll der »schlafende Riese« des Klimaschutzes geweckt werden

Fährt der Heizöl-Laster vor, dann wird es teuer. Einfamilienhäuser aus den 1960er Jahren ohne Wärmedämmung sind wahre Energievernichter. In den Tank im Keller werden 3.000, 4.000, manchmal auch 5.000 Liter des Brennstoffs gepumpt. Bei Preisen von mehr als 80 Cent pro Liter kostet das eine Stange Geld. Zudem ist solch ein altes, nicht wärmesaniertes Gebäude auch eine große Hypothek für den Klimaschutz. Aus 4.000 Liter Heizöl, die ein solchen Haus typischerweise für Heizung und Warmwasserbereitung verbraucht, entstehen rund zehn Tonnen des Treibhausgases CO2. Ab durch den Schornstein in die Atmosphäre.

Einsparpotenzial Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) bezeichnete die Sanierung der Altbauten jüngst als „schlafenden Riesen“ des Klimaschutzes. Die Zahlen sprechen für sich. Rund 40 Prozent des Energieverbrauchs in Deutschland entfallen auf den Gebäudesektor, und gerade hier ist das Einsparpotenzial riesig. Durch eine energetische Sanierung der älteren Gebäude – neue Fenster, Wärmedämmung von Wänden und Dächern, effizientere Heizung – ließe sich der Verbrauch etwa halbieren. Das heißt: Bis zu 500.000 Gigawattstunden Energie müssten nicht mehr verfeuert (und gekauft) werden. Das entspricht der fünffachen Leistung der hierzulande am Netz befindlichen Atomkraftwerke.

Hendricks hat deswegen zusammen mit der Deutschen Energieagentur (dena), Wirtschafts- und Handwerksverbänden das Projekt „Hauswende“ ausgerufen. Es soll die „Energiewende“ ergänzen, die bisher fast nur als Umbau des Stromsektors verstanden wird. Der Schwerpunkt liegt dabei auf den rund 15 Millionen Ein- und Zweifamilienhäusern, die rund 65 Prozent des Endenergieverbrauchs für Raumwärme und Warmwasser verursachen – und hier vor allem auf den Gebäuden, die vor Inkrafttreten der ersten Wärmeschutzverordnung von 1977 erstellt wurden.

Die Hauswende in Schwung zu bekommen, ist dringend nötig, weil Deutschland sonst seine Klimaschutzziele nicht erreichen kann. Die Zeit drängt. Bis 2040 soll der CO2-Ausstoß im Vergleich zum Basisjahr 1990 um 40 Prozent sinken, erreicht aber sind erst rund 24 Prozent. Pro Jahr müssten rund 2,5 Prozent der 40 Millionen deutschen Gebäude saniert werden, damit der Bausektor einen angemessenen Beitrag leistet. Tatsächlich liegt die Quote deutlich unter einem Prozent – und statt zu steigen ist sie in den vergangenen Jahren sogar kontinuierlich gesunken.

Eine Trendwende wäre möglich. Laut dena stehen Dreiviertel der Hausbesitzer der energetischen Gebäudesanierung positiv gegenüber. Das Hauswende-Projekt, finanziert mit drei Millionen Euro, will nun die Informationen über die Möglichkeiten zur Sanierung von Gebäudehülle, Dach und Anlagentechnik besser an die Hausbesitzer und Investoren bringen. Erstellt wurde eine Homepage (die-hauswende.de), die auch Verweise auf die Förderprogramme von Bund, Ländern und Kommunen sowie Kontaktangebote zu Energieberatern enthält. Zudem sind mehr als 100 Infoveranstaltungen in allen Regionen Deutschlands geplant.

Experten fordern darüber hinaus aber seit langem eine Aufstockung der Fördermittel und als neues Instrument eine Förderung durch Absetzbarkeit der Investitionen bei der Steuer. Die dena hält eine Gesamtsumme von fünf Milliarden Euro pro Jahr bis 2020 für nötig. Derzeit steht jährlich nicht einmal die Hälfte zur Verfügung, nämlich 1,8 Milliarden, die von der Förderbank KfW als zinsverbilligte Kredite und Zuschüsse vergeben werden. Das Umweltbundesamt (UBA) dringt ebenfalls darauf, die steuerliche Förderung einzuführen. „Es kostet zwar erst etwas, bringt aber Jobs in der Bauindustrie und Steuereinnahmen, und es senkt die Rechnung für die Energieimporte“, sagte UBA-Chefin Maria Krautzberger. Das sei eine „Win-win-Situation“. Kein Wunder, dass auch Industrie und Handwerk darin den Hebel sehen, der Sanierung den nötigen Kick zu geben. „Abschreibungsmöglichkeiten hätten das Potenzial, die jährliche Sanierungsquote von 0,5 auf 2,5 Prozent zu katapultieren“, sagt etwa der Vorstand des Gesamtverbandes Dämmstoffindustrie, Klaus Franz. „Die Deutschen sind steuersparverliebt, das ist nun mal so.“

Doch die Steuerförderung ist trotz vieler Fürsprecher in weite Ferne gerückt. Bereits zu Zeiten der schwarz-gelben Koalition scheiterten Anläufe dazu, weil Bund und Länder sich nicht einigten konnten, wie die Steuerausfälle zu kompensieren wären. Bei den Koalitionsverhandlungen im Herbst 2013 scheiterte die Steuerförderung zuletzt am Veto der Finanzpolitiker. Hendricks, die auch Bauministerin ist, scheint damit ihren Frieden gemacht zu haben. „Wir haben ausreichend Förderinstrumente“, sagte sie jüngst dem Online-Magazin „klimaretter.info“.

Hendricks setzt darauf, die KfW-Programme besser auf die Bedürfnisse der Hausbesitzer zuzuschneiden. „Pro Wohneinheit kostet eine vollständige energetische Sanierung leicht zwischen 50.000 und 70.000 Euro, das schreckt ab.“ Hier seien mehr Einzelförderprogramme nötig, wie es sie bereits für Fenster und Türen gibt, außerdem mehr echte Zuschüsse statt zinsverbilligter Kredite. Klimaschutz- und Branchen-Experten glauben indes nicht, dass das Sanierungsziel nur mit besserer Information und Feinjustierung bei der Förderung zu erreichen ist. Dämmstoff-Lobbyist Franz jedenfalls meint zum Thema Steuerförderung: „Da müssen wir dran bleiben.“

Was bei einer optimalen Förderung möglich wäre, hat die dena in Pilotprojekten gezeigt: Die zugigen Energieschleudern der 1960er und 1970er Jahre, die pro Quadratmeter 150 bis 250 Kilowattstunden – entsprechend 15 bis 25 Liter Heizöl – verbrauchen, können sogar zu „Passivhäusern“ aufgewertet werden, die mit einem Zehntel der Energie auskommen. Auch ganze Wohnblöcke lassen sich so sanieren, wie die städtische Wohnungsbaugesellschaft in Frankfurt/Main bei zwei Objekten mit insgesamt 60 Wohnungen demonstriert hat. Durch 30 Zentimeter starke Wärmedämmung, Dreifach-Fenster plus automatischer Lüftung mit Wärmerückgewinnung konnte der Heizenergie-Bedarf um 90 Prozent gesenkt werden. Pro Jahr werden so 167 Tonnen CO2 gespart.

Doch selbst ohne solche Top-Konditionen ist sowohl bei Wohneigentum wie bei Mietwohnungen viel mehr möglich, als bisher passiert – nämlich, wenn die Sanierung richtig angepackt wird. dena-Chef Stephan Kohler: „Unsere Empfehlung lautet: Wenn schon sanieren, dann richtig.“ Am wirtschaftlichsten sei es, eine Energiesanierung im Rahmen einer ohnehin anstehenden Gebäudesanierung vorzunehmen und dann – egal ob Wände, Dach, Fenster, Heizung oder Dach – die energiesparende Lösung für das Vorhaben zu wählen.

Unbegründete Angst Die verbreitete Befürchtung, speziell die Energiesanierung mache die Mieten in der Bundesrepublik unbezahlbar, ist Kohler zufolge unbegründet. Seine Agentur habe bereits 2010 in einer Untersuchung von rund 250 Gebäuden nachgewiesen, dass sanierungsbedürftige Mietshäuser auf einen sehr guten Energiestandard gebracht werden können, ohne dass die Warmmiete steigen muss.

Die Ursachen für Mietsteigerungen seien häufig ganz andere, erläutert Kohler. Eigentümer sanierten derzeit oft alte Häuser, in denen trotz guter Stadtlage bisher eine geringe Miete verlangt wurde. „Wenn hinterher die Miete steigt, dann ist das tatsächlich zu einem erheblichen Teil auf die ,Schönheitssanierung‘ zurückzuführen“, sagt der dena-Chef. Joachim Wille

Der Autor schreibt als freier Journalist über Umwelt- und Energiethemen.

Aus Politik und Zeitgeschichte

© 2016 Deutscher Bundestag