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Strompreise
Winfried Dolderer
Je billiger der Börsenpreis, desto teurer wird Strom für die Verbraucher

Experten sehen nach der EEG-Reform zunächst keine markanten Kostensteigerungen. EEG-Vergütung verführt Anleger zu riskanten Investitionen

Es sind zwei bemerkenswerte Eingeständnisse, die die Bundesregierung der seit 1. August geltenden Neufassung des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) mit auf den Weg gibt. „Wir haben etwas an der Energiewende gestrichen“; lässt sie die Bürger wissen. Und was? „Nachteile.“ Für den Wirtschaftminister wiederum ist die EEG-Novelle „ein wichtiger erster Schritt für den Neustart der Energiewende“. Bemerkenswert daran ist, dass nicht mehr nur Bedenkenträger, Klimaskeptiker und Marktradikale von Nachteilen der Energiewende reden. Und diese offenbar so schwer wiegen, dass das zuständige Ministerium einen Neustart für erforderlich hält.

Überwiegend Zustimmung Noch finde die Energiewende überwiegend Zustimmung, sagt Andreas Löschel, ist sich aber nicht sicher, dass das so bleibt. Löschel ist seit neuestem Inhaber eines Lehrstuhls für Energie und Ressourcenökonomik an der Universtät Münster, Berater der Bundesregierung, und wenn von Nachteilen die Rede ist, kann er mit eindrucksvollen Zahlen dienen. Im vergangenen Jahrzehnt ist das Volumen der Strompreise in Deutschland um etwa 60 Prozent gewachsen, von unter 40 auf 65 Milliarden Euro jährlich. Freilich, die Zahlen nehmen sich weniger erschreckend aus, misst man sie an der Gesamtwirtschaftsleistung. Dann zeigt sich, dass die Endverbrauchskosten heute wie bereits 1991 bei 2,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts liegen.

„In der Summe“ sei das „gut verträglich“, meint Löschel, „aus heutiger Sicht kein Problem“. Er sieht allerdings eine „emotionale Schwelle“, die die Politik im Auge behalten müsse.

Wäre sie mit einem Preis von mehr als 30 Cent je Kilowattstunde überschritten? Für die nächsten zwei Jahre erwartet Löschel Ruhe an der Preisfront. Das könnte sich aber 2017 ändern, wenn die Kosten für die Errichtung von Windparks auf hoher See, die im Schnitt doppelt soviel Geld verschlingen wie an Land, und für den Netzausbau zu Buche schlagen. Wird die Politik dann angemessen reagieren? „Noch ist eigentlich nicht soviel passiert“, meint Löschel. Auch die EEG-Novelle ist für ihn im wesentlichen eine „Willenserklärung“.

Auf die Vorteile der Energiewende hatten 75.000 Anleger gehofft, die den Windparkbetreiber Prokon mit 1,4 Milliarden Euro ausstatteten. Eine achtprozentige Renditeverheißung hatte unwiderstehlich gewirkt. Jetzt hängen sie an den Lippen eines Insolvenzverwalters, der ihnen erklärt, dass sie mit viel Glück noch 60, wahrscheinlich nicht mehr als 30 Prozent ihrer Einlagen wiedersehen. Die Prokon-Pleite ist nicht die einzige, wohl aber die bisher spektakulärste einer Ökofirma. Was haben die Investoren falsch gemacht?

Es gebe, sagt Thomas Pfister, Referent für „nachhaltige Geldanlagen“ beim Verbraucherverband NRW, durchaus „weniger risikobehaftete“ Optionen im Ökosektor. Ein Tagesgeldkonto bei einer „ethisch“ wirtschaftenden Bank etwa oder Aktienfonds mit breiter Risikostreuung. Wer in einen Windpark investiere, genießt diesen Vorzug nicht, sondern lebe, so Pfister, mit der Drohung des „Totalverlusts“. Zumal an manchen Standorten die anfänglichen Wind-Prognosen viel zu optimistisch waren.

Es sei eben ein „Irrglaube“, anzunehmen, „nur weil die EEG-Vergütung fließt, kann nix passieren“, meint Pfister noch und spricht damit einen heiklen Punkt an. Die EEG-Umlage, mit der Stromkunden die erneuerbare Energie subventionieren, betrug 2003 unscheinbare 0,4 Cent je Kilowattstunde. Vor vier Jahren waren es etwas mehr als zwei, heute sind es 6,2 Cent. Das zusätzliche Ärgernis besteht nun darin, dass zeitgleich mit dem Anstieg der Umlage der Strom an der Börse billiger wurde. Dort wird seit 2010 auch mit Ökostrom gehandelt, der das Angebot deutlich vergrößerte. Kostete am kurzfristigen Spotmarkt 2011 die Kilowattstunde fünf Cent, waren es in diesem Sommer 3,15 Cent. Und was die Sache noch ärgerlicher macht: Zwischen fallendem Börsenpreis und steigender Umlage gibt es einen Zusammenhang.

Garantierte Vergütung Laut EEG steht dem Betreiber einer Ökostromanlage für das Jahr der Errichtung wie für die nächsten 20 Jahre eine garantierte Einspeisevergütung zu. Je weniger mit dem Strom am freien Markt zu verdienen ist, umso höher steigt folglich der Subventionsanteil. Für Stromkunden wäre das weniger schmerzlich, könnten auch sie vom niedrigen Börsenpreis profitieren. Soweit freilich lassen es die Versorger nicht kommen. „Der Wettbewerb auf den Endkundenmärkten ist nicht so ausgeprägt“, sagt Niels Schnoor, Referent für Erneuerbare Energien beim Bundesverband Verbraucherzentralen. Ein anderer Faktor, der nach 2010 die Umlage explodieren ließ, war der damals ungebremste Zubau von Solarkapazitäten. Er verlief umso rasanter, je billiger chinesische Hersteller die Module auf den Weltmarkt warfen. Die Bundesregierung zog 2012 mit Subventionskürzungen die Notbremse. Damit brach der Absatz von Solarmodulen ein, ging aber auch der Kostendruck zurück. Über die Marke von sieben Cent werde die EEG-Umlage wohl nicht mehr hinauswachsen, erwartet Schnoor.

Ein Ärgernis für Verbraucherschützer wie Experten, zugleich ist ein weiterer Treibsatz für die Kosten privater Stromkunden die weitgehende Befreiung energieintensiver Unternehmen von der EEG-Umlage. Schnoor beziffert ihren Wert auf fünf Milliarden im Jahr. Aus der Absicht der Regierung, ihn um eine Milliarde abzuschmelzen, sei nichts geworden, „Es ist längst nicht alles gut. Aber es wird vielleicht“, ist Schnoors Fazit der EEG-Novelle. wd

Aus Politik und Zeitgeschichte

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