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USA
Dirk Hautkapp
Auf dem Weg zum Energie-Riesen

Die Supermacht setzt auf eigenes Öl und Gas und ist bald unabhängig von Importen

Wenn Präsident Barack Obama Anfang 2017 einem Nachfolger oder einer Nachfolgerin das Weiße Haus überlässt, stehen die USA als strahlender Energie-Riese auf der Weltbühne. Grund ist eine Energiewende, die mit der deutschen Version so gut wie nichts gemein hat. Weder sind die USA aus der Atomenergie ausgestiegen, noch halten sie der Kohle als führendem Stromerzeuger die Treue. Dafür verringert die Supermacht mit massivem Einsatz von klimafreundlicherem Schiefergas den Ausstoß an Treibhausgasen und baut Wind- und Solaranlagen beständig aus. Mit enormen wirtschaftlichen, geo- und klimapolitischen Konsequenzen: Spätestens in 20 Jahren werden die USA nach Kalkulationen der Internationalen Energie-Agentur (IEA) nicht mehr auf Energieimporte aus dem Nahen Osten angewiesen sein. Durch das nahezu landesweit betriebene, ökologisch umstrittene Fracking (siehe Seite 7) kann Amerika seine Energieversorgung auf längere Sicht eigenständig gewährleisten und wird durch die entstehenden Überschüsse sogar zum Exporteur. Vorausgesetzt, an den Küsten entsteht eine ausreichende Zahl von Terminals zur Verflüssigung der Rohstoffe, die per Schiff nach Asien oder Europa transportiert werden sollen.

Billiger Strom Der Öl- und Gas-Boom hat die Wettbewerbsfähigkeit Amerikas substanziell erhöht. In Deutschland schlägt für Privathaushalte eine Kilowattstunde (kWh) mit durchschnittlich 26,36 Cent zu Buche, hat das Hamburger Weltwirtschaftsinstitut errechnet. In den USA sind es 9,25 Cent. Für Industriekunden sieht die Spreizung ähnlich aus: 11,57 Cent je Kilowattstunde in Deutschland stehen 5,21 Cent in den USA gegenüber. Energieintensive Industrien auch aus Europa nehmen darum verstärkt den Investitionsstandort Amerika ins Visier.

Auch hat sich der Energie-Mix in den USA drastisch gewandelt. Am stärksten betroffen ist die Kohle. 2005 kam 50 Prozent des produzierten Stroms aus der Kohle – sieben Jahre später waren es nur noch 37 Prozent. Tendenz weiter fallend. Erneuerbare Energien konnten ihren Anteil im gleichen Zeitraum von 8,7 Prozent auf 13 Prozent erhöhen. Der größte Zuwachs wurde jedoch bei Schiefergas verzeichnet – von 19 Prozent auf 32 Prozent. Atomkraft machte rund zehn Prozent aus. Der Rest verteilt sich auf sonstige Energiequellen.

Vor allem der vermehrte Einsatz von Schiefergas hat zu einer Senkung der Emissionen geführt. Bei der Verstromung nach Fracking fällt nur halb so viel CO2 an wie in den 600 Kohlekraftwerken, die im Schnitt 42 Jahre alt sind und oft ineffizient arbeiten. Während in Deutschland zuletzt rund zehn neue Kohlekraft-Anlagen genehmigt wurden, hat Obama durch neue ambitionierte Klimaziele diesem Industriezweig langfristig die Geschäftsgrundlage erschwert. Bis 2030 soll der 1.000 Anlagen umfassende Kraftwerkepark fast ein Drittel weniger CO2 ausstoßen als 2005.

Symbolische Akzente Das größte Ausbaupotenzial liegt bei den erneuerbaren Energien, die heute erst knapp 16 Prozent zur Stromerzeugung beitragen (in Deutschland sind es rund 25 Prozent). Unter allen Energieträgern wächst dieser Zweig mit Abstand am stärksten. Fast die Hälfte aller zwischen 2012 und heute neu ans Netz gegangenen Kraftwerke werden mit Wind, Sonne oder Biomasse betrieben. Wegen des billigen Fracking-Erdgases haben teurere erneuerbare Energien aber auf dem Markt zu kämpfen. Die Förderstrukturen gelten aus Sicht der Wirtschaft derzeit als zu unberechenbar.

Obwohl Obama selbst symbolisch Akzente setzt: 30 Jahre nachdem der damalige US-Präsident Jimmy Carter zum ersten Mal eine Solaranlage auf das Dach des Weißen Hauses schrauben – und dessen Nachfolger Ronald Reagan gut zehn Jahre später diese wieder entfernen ließ, ist der Amtssitz in Washington jetzt wieder mit Solarzellen bestückt. Dirk Hautkapp

Der Autor ist freier Korrespondent in Washington.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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